Promotionsprojekte 2005 - 2009 im Rahmen der DSF an der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK):
1. Susanne Fischer
Thema: Die Rolle von Unternehmen in Konfliktzonen
Fallstudie: Transnationale und lokale Unternehmen in Israel und den
palästinensischen Gebieten
Business power matters - dies scheint die jüngste Entdeckung verschiedenster Akteure der internationalen Beziehungen zu sein. So wurde 2001 im Rahmen des Global Compact der Vereinten Nationen der Policy Dialogue „Business in Zones of Conflict“ aus der Taufe gehoben, im April 2004 wurde auf Initiative der damaligen Bundesregierung im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen „The Role of Business in Conflict Prevention, Peacekeeping and Post-Conflict Peace Building“ diskutiert und im Mai 2004 stellte die ehemalige Bundesregierung den „Aktionsplan zivile Krisenprävention“ vor, der privatwirtschaftlichen Akteuren ebenfalls eine bedeutende Rolle für den Verlauf und die Beendigung von Konflikten beimisst.
Die scientific community hat sich der Rolle privatwirtschaftlicher Akteure in den internationalen Beziehungen bereits in zweifacher Hinsicht angenommen. So konstatiert die Global Governance-Forschung (A) eine gestiegene Gestaltungsmacht nicht-staatlicher Akteure und einen Bedeutungsverlust des Staates als Ordnung setzende und Regeln durchsetzende Institution. Aus der Annahme, dass Staaten nicht mehr fähig sind die Bereitstellung öffentlicher Güter (alleine) zu gewährleisten, resultieren Überlegungen, ob und unter welchen Bedingungen privatwirtschaftliche Akteure derartige Funktionen substituieren können. In der Debatte über Steuerungsbeiträge durch Akteure jenseits des Staates, insbesondere durch Unternehmen, werden jedoch primär Steuerungsleistungen in Bereichen wie Umwelt, Menschenrechte, Arbeitnehmerrechte oder Korruption erörtert. Im Gegensatz dazu nimmt die Forschung zu Kriegsökonomien (B) die Rolle von Unternehmen in Konfliktzonen in den Blick, konzentriert sich indes weitgehend auf die negative Bedeutung dieser Akteure für die Genese und die Dauer von Konflikten. Hinzu kommt, dass transnationale Unternehmen - vorzugsweise Rohstoff fördernder Branchen - die Forschungsagenda dominieren. Dies führt dazu, dass die Paradigmen ‚resource curse’ und ‚fail(ing)ed states’ bei der Analyse der Bedingungen für die Persistenz des jeweiligen Konflikts eine herausragende Stellung einnehmen.
Hieraus resultieren Forschungsdesiderata, die wie folgt durch das Promotionsvorhaben aufgegriffen werden:
In Rekurs auf Studien zu Global Governance fragt diese Arbeit erstens nach Unternehmensbeiträgen bei der Bereitstellung des öffentlichen Gutes Sicherheit und im Hinblick auf die Forschung zu Kriegsökonomien soll zweitens die positive Rolle von Unternehmen in Konfliktzonen eruiert werden. Zudem stehen nicht Rohstoff extrahierende Unternehmen im Zentrum, vielmehr fokussiert diese Arbeit auf die Tourismusbranche und die Lebensmittelmittelverarbeitung und strebt außerdem einen Vergleich zwischen dem Verhalten transnationaler und lokaler Unternehmen an.
Dem Forschungsvorhaben - dessen zentrale Analyseeinheit das Verhalten privater Unternehmen ist - liegt ein zweistufiges Forschungsdesign zu Grunde. Die Untersuchung, die auf der Akteursebene ansetzt, fragt in einem ersten Schritt danach, ob und welcher systematische Zusammenhang zwischen Unternehmensmerkmalen (unabhängige Variable) und den verschiedenen Unternehmensperformances (abhängige Variable) in der Konfliktzone besteht. In einem zweiten Schritt soll versucht werden, den Zusammenhang zwischen der jeweiligen Unternehmensperformance (unabhängige Variable) und der Reduktion des Gewaltniveaus in der betreffenden Konfliktzone (abhängige Variable) nachzuverfolgen und zu begründen.
Das empirisch-analytisch ausgerichtete Promotionsprojekt soll dazu beitragen, einen systematischen Erklärungsrahmen für das Verhalten von Unternehmen in Konfliktzonen und dessen Auswirkungen zu generieren. Um dies zu leisten, findet die genannte Studie zum Unternehmensverhalten im israelisch-palästinensischen Konflikt nicht - analog zu bereits existierenden Studien dieses Themenspektrums - als empirischer Einzelfall Verwendung, sondern wird in das komparative Forschungsdesign eines Projektes an der HSFK eingepasst.
2. Carsten Rauch
Thema: Die Rüstungskontrollpolitik von China und Indien seit 1990
Im internationalen System steht innerhalb der nächsten Generation ein Polaritätswechsel – wenn nicht sogar ein Machtübergang – an. Dem Platzhalter USA stehen dabei vor allem die Herausforderer China und Indien gegenüber. Das (un-)friedliche Ablaufen dieses Prozesses hängt in starkem Maße vom Verhalten der Herausforderer ab. Daher stellt sich die Frage, wie Indien und China mit den Instrumenten der Gewalt in ihrer Außen- und Sicherheitspolitik umgehen.
In dieser Situation geben bedeutende Theorien der Internationalen Beziehungen wie der Realismus und der Liberalismus in Gestalt der Theorie des demokratischen Friedens (DF) höchst unterschiedliche Prognosen ab. Während vom Realismus, aufgrund der vergleichsweise ähnlichen Machpotentiale und Positionen im internationalen System, tendenziell ähnliches Verhalten der beiden Staaten erwartet wird, rechnet die DF-Theorie, aufgrund der stark unterschiedlichen Regierungssysteme, mit tendenziell gegensätzlichem Verhalten.
Da Rüstungskontrollpolitik einen Kernbereich der Außen- und Sicherheitspolitik betrifft und darüber hinaus besonders stark mit dem Umgang mit Gewaltinstrumenten assoziiert ist, bietet sie sich als optimales Untersuchungsgebiet an.
Im Rahmen des Dissertationsprojektes werden realistische und liberale Hypothesen ausgearbeitet und sodann für China und Indien im Rahmen eines strukturieren, fokussierten Fallvergleichs in fünf verschiedenen empirischen Feldern (konventionelle Rüstung, atomare Rüstung, biologische Rüstung, chemische Rüstung sowie Raketenabwehr) im Zeitraum von 1990-2006 getestet.
Das Ergebnis der Arbeit soll in theoretischer Hinsicht dazu Beitragen die Erklärungskraft in Konkurrenz stehender IB-Theorien zu bewerten und kann im Optimalfall auch die Praxis auf potentielle Probleme des kommenden Machtübergangs vorbereiten.
3. Andreas Schmidt
Thema: Der Einfluss völkerrechtlicher Normen auf den Einsatz militärischer Gewalt in Demokratien:
Eine Analyse der Rechtskultur Indiens und Kanadas im Vorfeld des Irak-Krieges 2003
Das interdisziplinär angelegte Dissertationsprojekt untersucht die Bedeutung zentraler völkerrechtlicher Konzeptionen - wie z.B. Souveränität, Nicht-Intervention und human security - im rechtskulturellen Kontext von Demokratien und deren Einfluss auf den Einsatz äußerer Gewalt. In zwei vergleichenden Fallstudien werden hierfür die völkerrechtspolitischen Argumentationen in Indien und Kanada im Vorfeld des Irak-Krieges 2003 anhand qualitativer Methoden in den Blick genommen. Diesem Vorgehen liegt die Annahme zugrunde, dass normative Strukturen eine ebenso handlungsleitende Wirkung entfalten können wie materielle. Der Verpflichtungscharakter völkerrechtlicher Normen, so die These, erwächst vor allem aus deren Legitimität. Allerdings eröffnet das Völkerrecht mit seinen zum Teil inkommensurablen Prinzipien einen kommunikativen Rechtfertigungsraum, der es den Staaten ermöglicht, legitime Argumentationen für und gegen den Einsatz militärischer Gewalt in bestimmten Konfliktsituationen zu artikulieren. Diese Tatsache gewinnt vor dem Hintergrund einer fehlenden Regelsetzungs-, Regelauslegungs- und Regeldurchsetzungsinstanz zusätzlich an Bedeutung. Dadurch geraten die länderspezifischen Interpretationen und Gewichtungen völkerrechtlicher Normen in den Untersuchungsländern auf der Basis ihrer historisch kontingenten Legitimitätsvorstellungen in den Fokus der Analyse, indem diese in ermöglichender bzw. beschränkender Weise deren Konfliktverhalten beeinflussen.
Promotionsprojekte
2002 - 2005 im Rahmen der DSF an der Hessischen Stiftung Friedens- und
Konfliktforschung (HSFK):
1. Claudia Baumgart (Verlängerung um ein Jahr)
Thema: Religion in den Konflikten von Demokratien: Die Fälle Israel und Indien
Dissertation erschienen:
Baumgart-Ochse, Claudia: Demokratie und Gewalt im Heiligen Land. Politisierte Religion in Israel und das Scheitern des Osloer Friedensprozesses.
Baden-Baden: Nomos 2008.
Die monadische Variante der Theorien des Demokratischen Friedens behauptet, dass demokratisch verfasste Staaten generell friedfertiger seien als andere Regimetypen und begründet dies mit einer eklektischen Sammlung normativer, utilitaristischer und institutioneller Kausalmechanismen. Lange Zeit eine Minderheitenmeinung innerhalb der Forschung zum Demokratischen Frieden, erfährt dieser Theorieansatz in der jüngsten Zeit einen Aufschwung.
Entgegen dieser theoretischen Annahmen finden sich jedoch Demokratien, die – wenn sie auch keinen einseitigen Angriffskrieg führen – doch erheblichen Anteil an der gewaltsamen Eskalation zwischen- und innerstaatlicher Konflikte haben. Zu solchen Staaten, die sich seit Jahrzehnten im Konflikt mit ihren Nachbarn befinden, zählen Israel und Indien. Die auf den ersten Blick so unterschiedlichen Länder haben dennoch einige Gemeinsamkeiten: Religion spielt auf gesellschaftlicher und politischer Ebene eine erhebliche Rolle, ihre Entstehungsgeschichte ist eng mit dem kolonialen Erbe verknüpft, und ihre politischen Systeme müssen im Hinblick auf die religiös, ethnisch und sozial äußerst heterogenen Gesellschaften enorme Integrationsleistungen erbringen.
Im Dissertationsprojekt interessiert vor allem, auf welche Weise religiöse Akteure (Parteien und NGOs) ihre spezifische Deutung des Konflikts in den politischen Diskurs einbringen und so u.U. zur Eskalation beitragen und die Kausalmechanismen des Demokratischen Friedens außer Kraft setzen bzw. umgehen.
2. Anna Schor-Tschudnowskaja
Thema: Der Begriff des “Fremden” in der heutigen rußländischen Gesellschaft
Der Prozess der Demokratisierung bedeutet für rußländische Gesellschaft einen Prozess der Differenzierung. Demokratische (politische) Kultur beinhaltet einen besonderen Zugang zum Begriff der Differenz sowie zu solchen Begriffen wie Toleranz, der Andere oder der Fremde, die sowohl rechtlich als auch auf der Ebene der alltäglichen Deutungsmuster verankert sind. Sowohl in der russischen Philosophie des 19. Jahrhunderts als auch in der Sowjetideologie spielte der Begriff des Anderen/Fremden eine außerordentlich wichtige Rolle. Um den Demokratisierungsprozess in Russland besser charakterisieren zu können, scheint es mir sehr aufschlussreich, die Kategorie des Anderen bzw. Fremden im heutigen rußländischen Selbstbewusstsein ausführlich inhaltlich zu untersuchen. Eine solche Untersuchung liegt an der Schnittstelle einiger (Teil)Disziplinen wie psychologische Einstellungsforschung, Psychologie der Interkulturalität sowie Psychologie der Begriffsbildung, soziologische Analyse der Deutungsmuster und qualitative Feldforschung. Daraus ergeben sich nicht nur Vor-, sondern auch Nachteile, denn das Problem der genauen methodischen Operationalisierung wird wegen des interdisziplinären Zugangs schwerer zu lösen sein.
3. Olaf Melzer
Thema: Der Europarat als Instrument der Friedensförderung in einem erweiterten Europa seit 1989 - Konzepte der Demokratisierung, Verrechtstaatlichung und der Entwicklung des Menschenrechtsschutzes des Europarates in Russland seit 1989
Das zeitgeschichtliche Dissertationsprojekt untersucht die seit dem Ende des Kalten Krieges intensivierte Arbeit des Europarates gegenüber Mittel- und Osteuropa in Bezug auf die klassische Zieltrias der Strassburger Organisation:
Förderung der Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Schutz der Menschenrechte.
Ein besonderer Fokus liegt dabei auf den rechtlichen Mechanismen und Instrumentarien, die zur Ausbreitung der Rechtsstaatlichkeit sowie der “promotion of the rule of law” angewendet wurden. Es werden die bisher zum Teil in der Politikwissenschaft zwar festgestellten, aber noch nicht untersuchten verfassungs- und völkerrechtlichen Aspekte von Demokratisierungsprozessen in Transitionsländern historisch und juristisch analysiert.
Ein Beitrag der Rechtswissenschaften und Geschichtswissenschaften in Bezug auf Internationale Organisationen, die das eine Ende der Triade des Demokratischen Friedens darstellt, soll hier Synergiepotentiale für die Politikwissenschaften aufzeigen.
4. Jonas Wolff (Verlängerung um ein Jahr)
Thema: Peripher-demokratische Wirtschaftspolitik, sozialer Frieden und ökonomische Krise in Lateinamerika. Eine polit-ökonomische Analyse der Zusammenhänge von Demokratie, neoliberaler Globalisierung und sozialer Instabilität in Argentinien, Chile und Ecuador
Dissertation erschienen:
Wolff, Jonas: Turbulente Stabilität. Die Demokratie in Südamerika diesseits ferner Ideale.
Baden-Baden: Nomos 2008.
Das politikwissenschaftliche Dissertationsvorhaben untersucht die wirtschaftspolitische Verarbeitung der Globalisierungsdynamik in peripher Demokratien. In drei vergleichend angelegten Fallstudien zu Argentinien, Chile und Ecuador soll empirisch aufgearbeitet werden, wie die gegenwärtigen Muster ökonomischer Interdependenz und die aktuellen Strategien der von den etablierten Demokratien dominierten Weltpolitik die demokratischen Meinungsbildungs- und Entscheidungsprozesse an der Peripherie prägen, ermöglichen und restringieren. Dabei untersucht das Vorhaben – am konkreten Fall der Wirtschaftspolitik – eine mögliche Antinomie des demokratischen Friedens: Die unter dem Begriff der neoliberalen Globalisierung subsumierten Prozesse unterminieren die nationalstaatlich verfassten demokratischen Prozeduren (und somit die Input-Legitimation demokratischer Herrschaft), während sie gleichzeitig für die extern verschuldeten Schwachwährungsländer der Peripherie einen Zustand der dauerhaften, zumindest latenten Wirtschaftskrise konstituieren (der spätestens bei Ausbruch der Krise die output-Legitimation demokratischer Herrschaft untergräbt). Dieser doppelte Legitimationsverlust stellt die zentrale „Leistung“ der liberalen Demokratie in Frage: die interne Befriedung gesellschaftlicher Verhältnisse. Steht somit der „domestic democratic peace“ zur Disposition?

