Rede zur Eröffnung des Masterstudienganges„Friedenforschung
und Internationale Politik“
Grußwort zur Eröffnung des Master-Studiengangs „Friedens-
und Konfliktforschung“ / „Peace and Conflict Studies“ an
der Universität Marburg
10. Juni 2005
Prof. Dr. Volker Rittberger
Vorsitzender der Deutschen Stiftung Friedensforschung
Sehr geehrter Herr Präsident Nienhaus,
sehr geehrte Herren Kollegen Wagner, Zoll und Bonacker,
meine sehr geehrten Damen und Herren,
liebe Kommilitoninnen und Kommilitonen!
Als Vorsitzender des Geschäftsführenden Vorstands und des Stiftungsrates der Deutschen Stiftung Friedensforschung beglückwünsche ich die Philipps-Universität Marburg, insbesondere ihr Zentrum für Konfliktforschung, zu der bemerkenswerten Innovationsleistung, einen neuen Master-Studiengang „Friedens- und Konfliktforschung“ / “Peace and Conflict Studies“ einzurichten und mit einem vielseitigen, anspruchsvollen Lehrangebot auszugestalten. Für die Stiftung ist damit ein weiterer Meilenstein auf dem von ihr mit Bedacht eingeschlagenen Weg erreicht, die Friedens- und Konfliktforschung im Lehrangebot deutscher wissenschaftlicher Hochschulen nachhaltig zu verankern. Zusammen mit den Master-Studiengängen an der Universität Tübingen und der FernUniversität Hagen sowie dem postgradualen Masterprogramm an der Universität Hamburg ist es der Stiftung gelungen, vier Universitäten dafür zu gewinnen, grundlegende Defizite in der Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses für die Friedens- und Konfliktforschung und von wissenschaftlich qualifizierten zivilen Friedensfachkräften abzubauen. Die Stiftung setzt angesichts des Umfangs der von ihr für diese Fördermaßnahmen aufgewandten Mittel verständlicherweise große Erwartungen in deren Erfolg. Der Stiftungsvorstand nimmt daher mit großer Befriedigung zur Kenntnis, dass der Master-Studiengang an der Universität Marburg mit großem Elan und Einsatz aller Beteiligten in diesem Studienjahr begonnen hat und sich einer regen Nachfrage von aufgrund ihres Erststudiums hoch qualifizierten Bewerberinnen und Bewerbern erfreut.
Bei der Auswahl der geförderten Studiengangsprojekte hatten die Stiftung und die von ihr berufene Gutachterkommission großen Wert auf die Innovationskraft der Studiengangskonzepte gelegt. Die seit geraumer Zeit laufende Studienreform eröffnet hierfür auch neue Handlungsspielräume, was für die Realisierung neuer Studiengänge sehr förderlich ist. Gefordert waren unter anderem Studiengangs- und Lehrkonzepte, die sich durch ihre trans- und interdisziplinäre Offenheit sowie durch praxisorientierte Studienelemente auszeichnen. Der Marburger Master-Studiengang „Friedens- und Konfliktforschung“ sucht diesen Anspruch auf eine beeindruckende Weise zu erfüllen, die geeignet erscheint, die wissenschaftliche Neugierde auf die Erkundung der Bedingungen für „Frieden mit friedlichen Mitteln“ (Johan Galtung) und das Interesse am friedenspraktischen Einsatz zu wecken. Er setzt auf eine Didaktik des dialogischen Lehrens und Lernens und bereichert die Lehrveranstaltungen durch die Einbeziehung u. a. von Rollen- und Planspielen, Szenariotechniken sowie der Vermittlung von „soft skills“, die insbesondere für die Konfliktmediation von Bedeutung sind.
Die Lehrveranstaltungen des Master-Studiengangs haben zum zentralen Gegenstand die politischen Konflikte in der Weltgesellschaft, deren Ursachen und Verlauf, aber auch deren Prävention sowie die anschließende Friedenskonsolidierung unter Berücksichtigung verschiedener disziplinärer Zugänge erschlossen werden. Die Aufnahme trans- und interdisziplinärer Kooperationen in das Studien- und Lehrprogramm, insbesondere in die Forschungsseminare des Moduls D, stellt ein überaus ehrgeiziges Ziel dar. Blickt man auf das Zentrum für Konfliktforschung mit 14 beteiligten Fachbereichen und etwa 50 angeschlossenen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, so ist man angesichts eines so günstigen Rahmens geneigt, hinsichtlich der Zielerreichung optimistisch zu sein. Für die Friedens- und Konfliktforschung stellt die fächerübergreifende Zusammenarbeit seit langem eine große Herausforderung dar. Wir sind darauf gespannt, wie, in welchem Umfang und mit welchen Ergebnissen sich die Zielsetzungen auf diesem Feld im Lauf der Jahre werden verwirklichen lassen.
Gestatten Sie mir, einen weiteren Aspekt Ihres Studiengangprojekts
anzusprechen, der mir
aus der Sicht der Stiftung viel versprechend erscheint. Der Studiengang umfasst
als festen Bestandteil des Moduls C die Absolvierung eines ca. zehnwöchigen
Praktikums. Die Einbindung praktischer Erfahrungen ist für die wissenschaftlich
qualifizierte und berufsfeldorientierte Ausbildung zweifellos höchst erstrebenswert.
Die Notwendigkeit, wissenschaftlich qualifizierte zivile Friedensfachkräfte
auszubilden, wurde in verschiedenen Gesprächen, die ich in den vergangenen
Wochen als Vorsitzender der Stiftung führte, beispielsweise mit dem Direktor
des Zentrums für Internationale Friedenseinsätze, immer wieder unterstrichen.
Auch die EU hat in ihrem Dokument „Ziviles Planungsziel 2008“ einen
Bedarf an „hoch qualifiziertem Personal für Krisenbewältigungsmissionen“ angemeldet,
um in der Lage zu sein, wirksam in Krisensituationen – und zwar auch
und gerade mit zivilem Personal – (re)agieren zu können.
Ich bin deshalb zuversichtlich in meiner Einschätzung, dass sich den Studierenden der von der DSF geförderten Master-Studiengänge – von der Erwartung auf eine nachwachsende Generation junger qualifizierter Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen einmal abgesehen – ein breites Spektrum an beruflichen Möglichkeiten eröffnen wird. Ich zitiere bei dieser Gelegenheit gerne einen Essay aus der Sonntagszeitung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 4. Juli 2004, der diesen Sachverhalt in zugespitzter Weise auf den Punkt bringt: Es sei eine neue Weltordnung im Entstehen, heißt es dort, „für die zwar noch kein Begriff vorhanden ist – die aber dringenden Personalbedarf hat. Es bildet sich im nachsouveränen Zeitalter eine neue Klasse internationaler Verwalter, Berater, Beobachter, Inspekteure oder ‚Nationbuilder’, und sie braucht gewisse Grundqualifikationen für ihren Einsatz.“ Der Essay führt dann ausdrücklich die von der DSF geförderten Master-Studiengänge im Bereich der Friedens- und Konfliktforschung an und ergänzt: „es geht um die Heranbildung einer Schicht (...), die sich mit dem angepeilten Ziel einer nachsouveränen Weltordnung, hier meist ‚Global Governance’ genannt, identifizieren und es an Ort und Stelle umsetzen kann. (...) Da der Bedarf nach solchem Personal zunehmen wird, müssen die Friedens-Studenten sich wohl weniger Sorgen um ihre spätere Berufspraxis machen als andere Master-Absolventen neu erfundener Phantasiefächer (...).“
Die Stiftung strebt an, die weitere Entwicklung der von ihr geförderten
Studiengänge zu begleiten und zu gegebener Zeit zu evaluieren. Hierbei
wird nicht zuletzt die Frage eine Rolle spielen, in welchen Feldern die
Absolventen und Absolventinnen dieser Master-Studiengänge eine berufliche
Zukunft gefunden haben.
Ich gehe vermutlich nicht falsch in der Annahme, dass der Master-Studiengang „Friedens-
und Konfliktforschung“ für das noch relativ junge, aber bereits
profilierte Zentrum für Konfliktforschung der Universität Marburg
ein weiteres Marken- und Gütezeichen werden soll. Um das Kernangebot des
Studiengangs zu stärken, bewilligte die Stiftung der Universität
Marburg die Einrichtung einer Juniorprofessur einschließlich einer Zusatzausstattung,
die über einen Zeitraum von fünf - sechs Jahren finanziert werden
wird. Ich freue mich, dass Herr Dr. Thorsten Bonacker zum Beginn des Wintersemesters
2004/05 den Ruf auf diese Stelle erhalten und ihn auch angenommen hat, und
ich wünsche ihm für seine wissenschaftliche Tätigkeit in Forschung
und Lehre (und möglichst wenig (Selbst-)Verwaltung) den bestmöglichen
Erfolg.
Ich möchte an dieser Stelle nicht unerwähnt lassen, dass die Universität Marburg und hier wiederum das Zentrum für Konfliktforschung an einer weiteren Fördermaßnahme der Deutschen Stiftung Friedensforschung im Rahmen des Programms zur Struktur- und Nachwuchsförderung partizipiert: an der strukturierten Promotionsförderung. In diesem Förderprogramm überlässt die Stiftung dem Zentrum für Konfliktforschung die Auswahl der Doktoranden und Doktorandinnen, wenngleich sie davon ausgeht, dass die von diesen gewählten Arbeitsvorhaben die jeweiligen Forschungsschwerpunkte der geförderten Einrichtung in der Friedens- und Konfliktforschung stärken. Im Gegenzug hat sich das Zentrum verpflichtet, ein Betreuungssystem einzurichten, das den Doktoranden und Doktorandinnen über die Standardbetreuung hinaus dabei hilft, zusätzliche wissenschaftliche und berufsförderliche Qualifikationen zu erwerben. Hierfür stellt die Stiftung dem Zentrum Fördermittel in einer Gesamthöhe von 232 Tsd. € für insgesamt acht zweijährige Stipendien mit Sachausstattung zur Verfügung. Anfang dieses Jahres konnte die zweite Tranche von vier Stipendien neu vergeben werden.
Im zweiten Förderschwerpunkt der Stiftung, der Forschungsprojektförderung, ist die Zusammenarbeit zwischen der Stiftung und der Universität Marburg noch nicht so weit gediehen. Weder bei Großprojekten - mit einer Laufzeit von zwei Jahren und einer Höchstfördersumme von bis zu 150 Tsd. Euro - noch bei so genannten Kleinprojekten mit einem Fördervolumen von bis zu 20 Tsd. Euro kann von einer nennenswerten Nachfrage durch das Zentrum für Konfliktforschung oder andere wissenschaftliche Einrichtungen der Universität Marburg gesprochen werden. Ich möchte diese Gelegenheit nutzen und die anwesenden Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen ermutigen, gut überlegte, thematisch ins Neue weisende wissenschaftliche Forschungsvorhaben bei der Stiftung einzureichen. Die Erfahrungen der zurückliegenden Antragsrunden haben verdeutlicht, dass Forschungsvorhaben, die ein in Bezug auf den einschlägigen Stand der Forschung anschlussfähiges, kreatives, theoretisch-methodisch gut durchdachtes Forschungsdesign aufweisen, sehr gute Aussichten auf Erfolg haben.
Lassen Sie mich zum Schluss festhalten: Die Stiftung setzt große Erwartungen in das von ihr mit insgesamt rund fünf Millionen Euro ausgestattete Programm zur Struktur- und Nachwuchsförderung. Die Unterstützung der genannten vier Master-Studiengänge in Hagen, Hamburg, Marburg und Tübingen bildet ein Kernelement in dem Bemühen der Stiftung, der Ausbildung von hoch qualifiziertem wissenschaftlichem Nachwuchs für die Friedens- und Konfliktforschung ebenso wie von wissenschaftlich qualifizierten Friedensfachkräften, die sich für den Einsatz bei Vorhaben der zivilen Krisenprävention und Friedenskonsolidierung eignen, eine höhere Priorität zu verschaffen.
Diese Zielsetzung korrespondiert auch der Politik von Bundesregierung und Bundestag ebenso wie den Bemühungen der Europäischen Union, welche die Einsicht und die Bereitschaft erkennen lassen, der zivilen Konflikt- und Krisenprävention ebenso wie der Friedenskonsolidierung in der Konfliktfolgezeit einen wesentlich höheren Stellenwert einzuräumen als dies bisher der Fall war. Mit dem Aktionsplan der Bundesregierung aus dem Jahr 2004 und dem im Mai 2005 vorgelegten Zwischenbericht liegen europaweit einzigartige Dokumente vor, in welchen Ziele und Schritte einer Politik der zivilen Krisenprävention, Konfliktlösung und Friedenskonsolidierung aufgezeigt, deren Grenzen aber auch nicht verschwiegen werden. Hierzu, d.h. zur Weiterentwicklung dieser Politikinnovation und ihrer praktischen Umsetzung kann die Friedens- und Konfliktforschung in Forschung und Lehre wichtige Beiträge leisten. Mit einem sehr gut besuchten Parlamentarischen Abend im September 2004 und einer daran sich anschließenden Publikation der auf diesem Abend vorgestellten kritischen Analysen und Reflexionen (Heft 3-4/2004 der Zeitschrift „Die Friedens-Warte. Journal of International Peace and Organization“) hat die Stiftung selbst einen Anfang zu machen versucht, den Dialog zwischen Friedensforschung und mit friedenspolitischem Anspruch auftretenden Politikern und Politikberatern in Deutschland zu beleben.
Als Vorsitzender der Deutschen Stiftung Friedensforschung danke ich
der Philipps-Universität Marburg und ihrem Zentrum für Konfliktforschung
für ihr langjähriges Engagement in der Friedens- und Konfliktforschung
in der Lehre und in der Forschung. Dem Marburger Master-Studiengang „Friedens-
und Konfliktforschung“, seinen Studierenden und Lehrenden wünsche
ich alles Gute, viel Freude und großen Ertrag bei ihrer anspruchsvollen
Arbeit.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

