Nicht-staatliches Konfliktmanagement
Möglichkeiten und Grenzen von Nichtregierungsorganisationen im Umgang mit nicht-staatlichen Gewaltakteuren
Projektleiter: Dr. Ulrich Schneckener, Universität Osnabrück
Projektmitarbeiterin: Dr. Claudia Hofmann, Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), Berlin
Publikationen
Claudia Hofmann: Das Problem der Sicherheit für NGOs in Afghanistan. In: Das Internationale Engagement in Afghanistan. Strategien, Perspektiven, Konsequenzen. Hrsg. Von Peter Schmidt. SWP-Studie S 23. Berlin 2008, S. 49-55.
Ulrich Schneckener: Spoilers of Governance Actors? Engaging Armed Non State Groups in Areas of Limited Statehood. SFB Working Papers No. 21, 2009.
Zusammenfassung
Für die erfolgreiche Bearbeitung aktueller Kriege und Konflikte ist der Umgang mit nicht-staatlichen Gewaltakteuren von zentraler Bedeutung. Nicht-staatliche Gewaltakteure unterschiedlichen Typs, von Rebellen und Milizen über Warlords bis hin zu kriminellen Netzwerken, dominieren heute in vielfältiger Weise das Geschehen während und nach einem bewaffneten Konflikt. Sie haben oftmals das Potential, Prozesse von Peace- und Statebuilding zu stören, zu unterminieren oder gänzlich zum Abbruch zu bringen, so dass es zu einem Wiederaufflammen von Gewalt kommt. Vor diesem Hintergrund gilt es, vorhandene Erfahrungen zur Interaktion mit nicht-staatlichen Gewaltakteuren systematisch auszuwerten. Das vorliegende Projekt will dazu einen Beitrag leisten und konzentriert sich auf die Rolle von internationalen Nichtregierungsorganisationen (NGOs) auf diesem Gebiet. NGOs sind in vielfältiger Weise in Krisen- und Konfliktregionen aktiv, teils um humanitäre Dienste zu leisten, teils um zwischen Konfliktparteien zu vermitteln, teils um bestimmte Werte und Normen zu verbreiten. Stets sind sie dabei mit nicht-staatlichen Gewaltakteuren konfrontiert, müssen sich mit ihnen arrangieren oder suchen den direkten Kontakt, um auf diese Akteure einzuwirken.
Das Forschungsvorhaben untersucht daher folgende Fragestellung: Unter welchen Bedingungen und mit welchen Methoden kann es NGOs gelingen, auf nicht-staatliche Gewaltakteure in der Weise einzuwirken, dass diese ihr Verhalten ändern und ggf. auf die Anwendung von Gewalt verzichten? Inwieweit entstehen dabei Formen des nicht-staatlichen Konfliktmanagements zwischen NGOs und nicht-staatlichen Gewaltakteuren?
Das Projekt wird sich in einer ersten Phase auf die empirische Aufarbeitung der Erfahrungen bestimmter NGOs im Umgang mit nicht-staatlichen Gewaltakteuren konzentrieren. Es sollen sechs international operierende NGOs mit je einem Erfolgs- und einem Misserfolgsfall untersucht werden, um die oben genannte Fragestellung zu bearbeiten (Carter Center, Center for Humanitarian Dialogue, das Internationale Komitee des Roten Kreuzes, Geneva Call, die Quäker und Conciliation Resources). Theoretischer Ausgangspunkt für die erste Phase sind Überlegungen zu drei Bereichen, die dazu dienen, das Thema einzugrenzen und zu operationalisieren sowie geeignete Fallbeispiele auszuwählen – erstens zum NGO-Typ, zweitens zu den typischen Strategien und drittens zu erklärungskräftigen Faktoren mit Blick auf Erfolg/Misserfolg.
Um die Fragestellung nach den Möglichkeiten und Grenzen von NGOs zu beantworten, sollen in erster Linie strukturierte Interviews (entlang eines Leitfadens) mit Vertretern der NGOs geführt werden. Die NGO-Perspektive lässt sich außerdem zum einen durch Interviews mit anderen am Konflikt bzw. Friedensprozess beteiligten externen Akteuren – Vertreter von IOs und Regierungen – ergänzen und zum anderen durch eine Analyse der Sekundärliteratur zum jeweiligen Konflikt einordnen. Daher werden zu jedem Fall auch ein Akteurs-Mapping und ein process tracing durchgeführt, um insbesondere zu klären, ob es zu einem Zeitpunkt X tatsächlich eine Verhaltensänderung des Gewaltakteurs gab.
Das Ziel des Forschungsvorhabens ist es, das Potential von NGOs beim Umgang mit nicht-staatlichen Gewaltakteuren besser zu kennen. Das Projekt erhofft sich verallgemeinerbare Aussagen darüber, unter welchen Bedingungen NGOs relativ erfolgreich auf nicht-staatliche Gewaltakteure einwirken können. Konkret werden Antworten auf folgende, weiterführende Fragen erwartet:
- Welche komparativen Vorteile besitzen NGOs insbesondere gegenüber staatlichen Akteuren oder Internationalen Organisationen?
- Was sind die Grenzen von NGOs in der Interaktion mit nicht-staatlichen Gewaltakteuren und welche Risiken bestehen für die NGOs, aber auch für andere am Friedensprozess beteiligte Akteure?
- Welche Lehren aus den NGO-Erfahrungen können Andere – vor allem Regierungen und Internationale Organisationen – für den Umgang mit nicht-staatlichen Gewaltakteuren ziehen?
Diese Erkenntnisse dürften auch für Regierungen und Internationale Organisationen von großer Bedeutung sein, die mit NGOs in Konflikt- und Krisenregionen zusammenarbeiten und sich über deren Chancen und Grenzen im Klaren sein sollten. Das Projekt mündet daher in praxisrelevanten Empfehlungen für das Zusammenwirken externer Akteure beim Umgang mit nicht-staatlichen Gewaltakteuren.
AbstractNon-State Conflict Management Opportunities and Limits of NGOs Engaging Non-State Armed Groups
For a successful treatment of contemporary wars and conflicts the engagement with non-state armed groups has become of central importance. Non-state armed groups of different type, be it rebel groups or criminal networks, dominate the environment during and after armed conflict in manifold ways. They often bear the potential to disturb, undermine, or completely truncate processes of peace and state building, leading violence to flare up again. In view of this it becomes crucial to systematically analyse the existing experience with interaction with non-state armed groups. This project seeks a contribution to this aim and focuses on the role of international non-governmental organisations (NGOs) in this arena. Non-governmental organisations are active in the world’s crisis or conflict regions in multiple ways: They provide humanitarian aid, facilitate between parties of conflict and spread distinct norms and values. In their work they are always confronted with non-state armed groups; they need to come to terms with them or are looking for direct contact in order to influence these actors.
Therefore, the central research question is: Under which circumstances and with which methods may NGOs affect non-state armed groups in a way that leads to a change of behaviour and possibly a renunciation of violence? In how far do forms of non-state conflict management arise from the interaction between NGOs and non-state armed groups?
To begin with, the project will concentrate on the empirical analysis of the existing experiences of specific NGOs engaging non-state armed groups. Six internationally operating NGOs (Carter Center, Center for Humanitarian Dialogue, the International Committee of the Red Cross, Geneva Call, the Quakers and Conciliation Resources) will be examined on the basis of one successful and one unsuccessful case. The theoretical foundation for the first phase of the project are considerations on three areas, which serve the containment and operationalisation of the topic, as well as the selection of case studies – firstly, the type of NGO, secondly, the typical strategies of engagement, and thirdly, the explanatory factors with a view to successes and failures.
In order to approach the questions regarding opportunities and limits of NGOs, structured interviews (based on guidelines) will be held with representatives of NGOs. The perspective of NGOs will be complemented with interviews with other actors that are or were part of the conflict or peace process, respectively, such as representatives of international organisations and governments. Moreover, the NGOs’ perspective will be classified by secondary literature on the respective conflict. For each case an actor mapping will be conducted as well as process tracing in order to clarify whether at a point X a change of behaviour of a non-state armed actor had actually taken place.
The aim of the research project is the improved understanding of the potential of NGOs in the interaction with non-state armed groups. From such an examination generalisable conclusions on the conditions under which NGOs can influence non-state armed groups relatively successfully will be gained. Specifically, answers to the following questions will be expected:
- Which advantages do NGOs have in comparison to state actors or international organisations in particular?
- What are the limitations of NGOs in the interaction with non-state armed groups? Which are the risks for NGOs as well as for other actors within the peace process?
- What lessons can be drawn from the experiences of NGOs – first and foremost by governments and international organisations – about the interaction with non-state armed groups?
This knowledge should also be of meaning to governments and international organisations that work together with NGOs in conflict regions and hot spots, and need to be aware of their possibilities and limitations. The project, thus, leads to recommendations with practical relevance with regard to the interaction between external actors and non-state armed groups.
