Lokale Konfliktdynamiken: Umweltwandel, Ernährungskrisen und Gewalt in Subsahara-Afrika
Projektleiter: Prof. Dr. Sven Chojnacki, Fachbereich Politik- und Sozialwissenschaften der Freien Universität Berlin
Projektbearbeiter: Dr. des Bettina Engels
Zusammenfassung
Das Projekt untersucht, a) welche Beziehung zwischen umweltinduzierten Ernährungskrisen und kollektiver Gewaltanwendung in Afrika südlich der Sahara besteht, b) welche Formen des (gewaltsamen) Konfliktaustrags auftreten und c) ob sich typische Pfade der Konflikteskalation in ländlichen und städtischen Räumen der Sahelzone identifizieren lassen. Das Projekt fragt damit danach, ob ein Zusammenhang zwischen Klimawandel, Ernährungskrisen und kollektiver Gewaltanwendung besteht und über welchen Vermittlungsprozess (u.a. politische und soziale Faktoren, geographische Bedingen, Art der Verteilungskonflikte) gesellschaftliche Konflikte eskalieren.
Ausgangspunkt sind einerseits zunehmend alarmistische Szenarien in Teilen der Politik und Umweltforschung über die Auswirkungen des globalen Klimawandels auf regionale und lokale Konfliktkonstellationen (Verteilungskonflikte), andererseits Kausalmodelle, die quasi-deterministische Pfade zur Wahrscheinlichkeit der Entstehung umweltinduzierter Gewaltkonflikte annehmen. So identifiziert etwa der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltfragen (WBGU) einen vereinfachten Kausalzusammenhang von ökologischem Wandel zu Konflikt und Gewalt, welcher in zahlreichen afrikanischen Staaten insbesondere in der Sahelzone wirksam sein soll. Umweltveränderungen führen demzufolge zur Verknappung und qualitativen Verschlechterung von Wasserressourcen, Agrar- und Weideland und damit zu Rückgängen in der Nahrungsmittelproduktion. Diese resultieren unter bestimmten Bedingungen in Ernährungskrisen, infolge derer Destabilisierung, Konflikt und Gewalt drohen. Dem Modell des WBGU gelingt es damit zwar, eine zentrale Wirkungskette von Konflikten infolge klimawandelbedingter Ernährungskrisen zu erfassen und ein komplexes Bedingungsgefüge ökologischer, ökonomischer sowie politischer Faktoren zu integrieren. Jedoch lässt das Modell zwei entscheidende Lücken offen. Erstens beschränkt sich die Konzeption politischer Faktoren auf Regierungshandeln, die formal-institutionelle Ebene des politischen Systems sowie die Einbindung in inter- und suprastaatliche Organisationen – und wird damit den sozial-räumlichen Bedingungen der Sahelzone nur bedingt gerecht. Zweitens ist der Pfad von der Destabilisierung und Konflikt hin zu Gewalt prozesstheoretisch extrem unterspezifiziert.
Ziel des Forschungsprojekts ist daher die Analyse des zentralen Schritts (bzw. der Lücken) in der vom WBGU beschriebenen Kausalkette von Klimawandel über Produktionsrückgang, Ernährungskrise und Konflikt hin zu Gewalt. Das Projekt fragt danach, warum und unter welchen Bedingungen Konflikte infolge von umweltinduzierten Ernährungskrisen gewaltsam verlaufen. Es trägt damit dazu bei, drei zentrale Lücken in der Forschung über Umweltveränderungen und Gewaltkonflikte zu schließen. Diese bestehen a) in der bislang unzureichend beantworteten Frage nach der konkreten Gestalt und Wirkungsweise der sozialen und politischen Vermittlung ökologischer Faktoren im Übergang zur Gewaltanwendung; b) in weak-link-Designs (und damit zum Teil unzulässigen Schlussfolgerungen) der bisherigen Forschung, die von der systemischen und/oder staatlichen Ebene auf lokales/transnationales Konfliktverhalten schließt, sowie c) im Fehlen von Arbeiten, die analytisch unterhalb der staatlichen Ebene ansetzen. Die übergeordnete Fragestellung des Projekts wird dazu in zwei Forschungsziele übersetzt:
(1) Das Projekt identifiziert idealtypisch unterschiedliche Formen von aus Ernährungskrisen folgenden Gewaltkonflikten. Auf welchen Ebenen und in welchen Räumen eskalieren Konflikte zur Gewalt (oder auch nicht)? Welche Akteure sind beteiligt? Wer sind Ziele und AdressatInnen von Gewalt?
(2) Das Projekt spezifiziert die sozialen und politischen Einflussfaktoren sowie die Prozessdynamiken, die jenseits von nationalstaatlicher Regierung, politischem System sowie inter- und suprastaatlicher Einbindung dazu führen, dass Konflikte infolge von Ernährungskrisen zu Gewaltkonflikten eskalieren bzw. mit Gewalt ausgetragen werden. Welche lokalen (sozialen, politischen, ökonomischen, geographischen) Bedingungen wirken gewaltverschärfend oder deeskalierend? Welche Formen und Institutionen der Konfliktregelung bestehen und wie werden diese zur Eskalation oder Deeskalation von Gewalt genutzt bzw. instrumentalisiert?
Um diese Forschungsziele zu erreichen, geht das Projekt in vier Schritten vor. Im ersten Arbeitsschritt wird auf der Grundlage theoretischer Überlegungen ein konzeptioneller Rahmen zur Analyse von Konflikten infolge von Ernährungskrisen sowie der Bedingungen ihres gewaltsamen Austrags entwickelt. Daraus werden die Kategorien für die empirische Analyse abgeleitet. Daran anschließend erfolgt im zweiten Arbeitsschritt ein Mapping gewaltsamer Konflikte und staatlicher wie nichtstaatlicher Gewaltakteure unterhalb der Kriegsschwelle in den städtischen und ländlichen Räumen von Niger und Äthiopien im Zeitraum 1980-2009. Der dritte Arbeitsschritt dient der fokussierten empirischen Analyse der Verlaufsformen und Bedingungen untersuchungsrelevanter Konflikte. Methodisch erfolgt dies einerseits über die Erhebung von nachrichtenbasierten Ereignisdaten und geographisch spezifizierten Informationen über klimatische, politische, ökonomische und soziale Bedingungen, andererseits über die Erhebung eigener Daten in Form von Leitfaden gestützten Interviews mit ExpertInnen sowie der Betroffenen und Beteiligten der jeweiligen Konflikte. Im vierten Schritt werden die Ergebnisse der fallbasierten Analysen substaatlicher/lokaler Konfliktlinien zusammengeführt, theoretische Rückschlüsse gezogen und darauf aufbauend empirisch begründete Aussagen formuliert. Der letzte Arbeitsschritt zielt auf den Transfer der gewonnenen Erkenntnisse in die wissenschaftliche und politisch-anwendungsbezogene Debatte.
Ergebnis des Projekts werden verfeinerte, prozesstheoretisch unterfütterte Aussagen über die Bedingungen, Wirkungszusammenhänge und Verlaufsformen gewaltsam ausgetragener Konflikte infolge umweltinduzierter Ernährungskrisen sein. Das Vorhaben trägt damit sowohl zur Theorieentwicklung im Bereich der Forschung über die Zusammenhänge von Umweltveränderungen und Gewaltkonflikten als auch zur Spezifizierung und Ausdifferenzierung von Pfaden und Formen umweltinduzierter Konflikte unterhalb der nationalstaatlichen Ebene bei.
Local conflict dynamics: Environmental change, food crisis, and violence in Sub-Saharan Africa
Abstract
The project analyses a) the relations between environmentally induced food crises and collective violence in Sub-Saharan Africa; b) the forms of (violent) action in conflict; and c) typical pathways of conflict escalation in rural and urban areas in the Sahel. The project focuses on whether or not climate change, food crises and collective violence are interrelated and on the processes that lead to escalation of social conflicts (political and social factors, geographical conditions, forms of distributive conflicts, etc.).
The baseline of our analysis is, firstly, alarming scenarios in politics and environmental research on effects of global climate change on regional and local (distributive) conflicts, and secondly, quasi-deterministic models on the probability of environmentally induced conflict occurrence. The German Advisory Council on Global Change (Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltfragen, WBGU) has been observing a one-way causal relationship between environmental change and conflict and violence in numerous African states, notably in the Sahel region. According to this model, environmental change results in scarcity and qualitative degradation of water resources, farm and pasture land and, therefore, in a reduction of food production. Under certain circumstances, this will cause food crises and, as a consequence, risk destabilization, conflict and violence. The WBGU model achieves to identify an important causal chain from climate-change-induced food crises to conflicts, and integrates complex ecological, economic, and political conditions. Nevertheless, the model shows two shortcomings. First, political factors are reduced to the formal-institutional level of political systems and are integrated in inter- and supra-state organisations. This does not adequately meet the Sahel conditions. Secondly, the pathway from destabilization and conflict to violence remains unspecific, in particular regarding its processual dimension.
Thus, the project aims at analysing the central gap in the causal chain of climate change, food production reduction, food crisis, conflict and violence identified by the WBGU. We ask why and under what conditions conflicts resulting from environmentally induced food crises proceed violently. In this way, the project contributes to closing three gaps in research on environmental change and violent conflict: a) it reveals the forms and functions of social and political transmission in environmentally induced conflicts; b) it overcomes weak-link-designs which sometimes result in false inference from the systemic or state level to local and transnational violent action; c) the project’s focus of analysis is on the sub-state level which is frequently missing in research on environmental change and violent conflict. In order to address the two shortcomings identified above, the project has two aims:
(1) The project identifies ideal-typical forms of violent conflicts resulting from food crises. On what levels and in what spaces do (or do not) conflicts escalate violently? Who are the relevant actors involved? Who are the targets of violent actions?
(2) The project specifies social and political factors of influence as well as processual dynamics beyond national government, political system and inter- or supra-state integration that lead to violent escalation of conflicts as a result of food crises. What local (social, political, economic, geographical) conditions affect action in conflict (violent or non-violent)? What forms and institutions for conflict management exist, and how are they applied or instrumentalized for (de-)escalating violence?
To achieve these aims, four steps are scheduled. As a first step, a conceptual framework will be developed based on theoretical considerations of conflict dynamics resulting from food crises and conditions of violence. Out of this, categories for empirical analysis will be derived. The second step will be a mapping of violent conflicts below the threshold of war, and state and non-state violent actors in rural and urban areas of Niger and Ethiopia in 1980-2009. Step 1 and 2 will be desk-based research, using literature on food security and conflict dynamics in the first step and case-specific literature in the second. In the third step, processes and conditions of relevant conflicts will be analysed empirically in the field. Therefore, event-based and geo-data on climatic, social, political and economic conditions will be used. Additional data will be generated using qualitative face-to-face interviews with experts, people involved and concerned in the conflicts (national and local policy makers, NGOs, social movements, peasant and women groups). In the fourth step, the results of the case studies on sub-state/local conflicts will be synthesised, theoretical and empirical conclusions will be drawn. This last step aims at linking the project’s results to the scientific and political debate.
The project will lead to new, theoretical and empirical findings on the conditions, processes and causal mechanisms of conflicts following environmentally induced food crises. The project therefore contributes to theory generation on environmental change and violent conflict as well as to the specification and differentiation of forms and pathways of environmentally induced conflicts below the nation-state level.
