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Religion und Bürgerkrieg: Zur Ambivalenz religiöser Faktoren im susaharischen Afrika
Forschungsprojekt von Dr. Matthias Basedau, GIGA-Institut für Afrika-Studien
Publikationen
Peter Körner, Johannes Vüllers und Matthias Basedau: Kriegsursache oder Friedensressource? Religion in afrikanischen Gewaltkonflikten. Giga-Focus Nr. 2, 2009.
Verfügbar unter: www.giga-hamburg.de/giga-focus
Matthias Basedau: Religion und Gewaltkonflikt im subsaharischen Afrika: Zur Rolle religiöser Faktoren in Benin und der Côte d’Ivoire“. In: Bussmann, Margit/Hasenclever, Andreas/Schneider, Gerald (Hg.): Identität, Institutionen und Ökonomie: Ursachen innenpolitischer Gewalt. PVS Sonderheft 43/2009, S. 150-176.
Matthias Basedau: Die ambivalente Rolle von Religion in afrikanischen Gewaltkonflikten. In: EPD Dokumentation NR. 10-2008, S. 19-21.
Matthias Basedau (mit Alexander De Juan): The ‘Ambivalence of the Sacred’ in Africa: The Impact of Religion on Peace and Conflict in Sub-Sahara Africa, GIGA Working Paper No. 70, March 2008.
Zusammenfassung
Nach dem 11. September 2001 und angesichts der vermeintlich steigenden Anzahl religiös motivierter Gewaltakteure und Gewaltkonflikte wächst die Besorgnis, dass Religion massiv zu Gewalt und Krieg beiträgt. Darüber gerät bisweilen das Friedens- und Deeskalationspotential in den Hintergrund, das etwa von religiösen Überzeugungen, Wertvorstellungen und religiös motivierten Vermittlungsbemühungen ausgeht. Angesichts dieser Ambivalenz der Auswirkungen von Religion auf Konflikt (Appleby 2000) stellt sich eine zentrale Forschungsfrage: Unter welchen Bedingungen trägt Religion (im subsaharischen Afrika) zu Bürgerkrieg ODER innerstaatlichem Frieden bei?
Der theoretische Zugang zum Thema ist jedoch durch Komplexität gekennzeichnet. Neben der Ambivalenz ergibt sich dies aus der Multidimensionalität von Religion, die mindestens in religiöse Demographie, Identitäten, Ideen, Organisationen und Akteure bzw. Eliten aufgeschlüsselt werden kann. Überdies sind das Verhältnis dieser religiösen Dimensionen oder Faktoren untereinander und ihr relatives Gewicht gegenüber nicht-religiösen Kontextbedingungen in Rechnung zu stellen. Das komplexe Kausalgefüge wird durch die dynamische Perspektive ergänzt, da verschiedene religiöse Faktoren auch in verschiedenen Konfliktphasen divergierende Wirkungen auf Konflikte haben können. Dazu kommt, dass religiöse Faktoren nicht nur auf Konflikt wirken, sondern es auch den umgekehrten Zusammenhang (z.B. switching-Prozesse) bzw. komplexe Wechselwirkungen gibt.
Während kein Mangel an theoretischen Ansätzen besteht, ist der empirische Forschungsstand defizitär: Die meisten Studien sind einseitig auf die Gewaltwirkung oder die Friedenswirkung ausgerichtet. Untersuchungen, die beide Aspekte zugleich behandeln, gibt es kaum. Generalisierende Studien sind selten und quantitative Untersuchungen beschränken sich zumeist auf – einfach zu erhebende – demographische Daten. Fallstudien teilen dieses Defizit nicht, sind aber aufgrund unterschiedlicher Fragestellungen, Ansätze und Methoden kaum vergleichbar.
Bemerkenswert ist überdies, wie wenig sich die Friedens- und Konfliktforschung mit Religion in Afrika beschäftigt hat. Zumeist dominieren Zugänge über ethnische Gegensätze oder ökonomische Problemlagen und Gelegenheitsstrukturen. Die Literatur zu Fallstudien konzentriert sich auf relativ wenige Fälle (Nigeria, Südafrika, Sudan, Uganda, zuletzt auch Somalia), in denen der Faktor Religion eine hervorstechende Rolle zu besitzen scheint. Eine generalisierende Untersuchung, die Mehrdimensionalität, Kontextabhängigkeit sowie Ambivalenz berücksichtigt, gibt es im Ansatz lediglich durch eine Pilotstudie, die – von der DSF finanziert – am GIGA Institut für Afrika-Studien in Hamburg durchgeführt wurde. Auf ihren (vorläufigen) Ergebnissen und Vorarbeiten (v.a. Hypothesenapparat, Bibliographie, Datenbank, Entwicklung von Forschungsdesigns) will dieses Projekt systematisch aufbauen.
Um der Komplexität des Untersuchungsgegenstandes gerecht zu werden, setzt das Vorhaben auf die Kombination verschiedener Forschungsstrategien („Triangulation“). Durchgeführt werden sollen:
- Ein qualitativer, sowohl diachroner als auch synchroner Small N-Vergleich von drei Länderfallstudien (Côte d’Ivoire, Nigeria, Tansania), die eine individualisierende Erfassung von Kausalmechanismen – besonders die Prüfung einer „Mobilisierungsthese“ – erlauben. Die Länderauswahl gestattet aber durch eine Mischung von Ähnlichkeit bei religiösen Hintergrundvariablen (Demographie, Frontstellung Christentum-Islam) sowie weiteren Kontextvariablen einerseits und Differenz (Gewalt) anderseits die Isolierung spezifischer religiöser Faktoren (Organisation, Ideen/Diskurse/Verhalten von Führern) und damit auch nomothetische Aussagen über den Einzelfall hinaus.
- Lokalstudien, die in relevanten „hot spots“ in den drei ausgewählten Ländern durchgeführt werden, und besonders die Mikroebene beleuchten.
- Ein auf Generalisierung abzielender Medium N- bzw. Large N-Vergleich, der alle subsaharischen Länder einschließt, und auf der in der Pilotstudie bereits erarbeiteten Datenbank beruht, die aber im neuen Vorhaben erheblich erweitert werden soll.
Neben der übergeordneten Leitfrage zur Ambivalenz von Religion (s.o.) erwartet die Studie Forschungsergebnisse zu folgenden Aspekten:
- Multidimensionalität von Religion: Welche religiösen Faktoren (v.a. Ideen, Institutionen, Eliten)wirken sich unter welchen Umständen Gewalt oder Frieden fördernd aus?
- Relatives Gewicht von Religion: Welches relative Gewicht haben religiöse Faktoren in diesem Zusammenhang? Welche anderen nicht-religionsspezifischen Faktoren wirken unabhängig oder im Verbund mit religiösen Faktoren auf Gewalt und Frieden ein?
- Dynamische Auswirkung von Religion: Inwiefern variiert die Wirkung religiöser Faktoren im zeitlichen Verlauf? Gibt es unterschiedliche Wirkungen in den verschiedenen Konfliktphasen? Inwieweit wirkt der Konflikt auf religiöse Variablen zurück? Gibt es z.B. switching-Prozesse infolge des Konfliktgeschehens?
Religion and Civil War: On the Ambivalence of Religious Factors in sub-Saharan Africa
Particularly since 9/11 and following an apparent increase in religiously motivated violent actors and violent conflicts, religion has been portrayed as a potential source of extremism and war. The ensuing debate has neglected the fact, however, that religion may also bring about peace. In this respect we can refer to the religious value of peace as well as peace-building initiatives undertaking by religious actors. Despite this ‘ambivalence of the sacred’ (Appleby 2000), one central research question remains: Which surrounding conditions in fact influence religion to either stimulate conflict OR contribute to peace?
Theoretically, complexity characterizes the field. Besides the aforementioned ambivalence, this complexity derives from the multi-dimensionality of religion, which cuts into religious demography, identities, ideas, organizations, and elites. Moreover, one has to take into account the relationship among these factors as well as their relative weight vis-à-vis non-religious surrounding conditions. This complex structure of causation is further intensified by a dynamic perspective, since the impact of religious factors may vary over time. Further, religious factors not only affect conflict but also vice versa (e.g., processes of ‘switching’ from one religious identity to another), resulting in a complex interaction.
While there is a multitude of theoretical explanations, the empirical state of the art remains deficient: Most studies deal exclusively with religion’s violent or peaceful consequences. There are hardly any studies dealing with both aspects. Works aiming to generalize are rare, and formal quantitative studies are mostly confined to using – readily available – demographic data. Case studies do not share this problem. However, they are hardly comparable given diverging research questions, approaches, and methods.
Moreover, it is remarkable how much the study of peace and war has neglected the role of religion in sub-Saharan Africa. The debate on the causes of conflict in Africa stresses ethnicity, economic problems, and opportunities. The literature on case studies concentrates on the relatively few cases (Nigeria, South Africa, Sudan, Uganda, and recently Somalia) in which religion apparently plays a salient role. There is just one pilot study – conducted by the GIGA Institute of African Affairs in Hamburg – that aims for generalization but also accounts for multi-dimensionality, context dependency, and ambivalence. This project will systematically build on the pilot study’s preliminary results (above all its hypotheses, bibliography, database, and research design).
In order to address the topic’s complexity, the project employs a combination of different research strategies (‘triangulation’). The following strategies are intended to be employed
- A qualitative, both diachronic and synchronic, small-N comparison of three country cases (Côte d’Ivoire, Nigeria, Tanzania) which allows for the detection of details and causal mechanisms, and particularly a ‘mobilization hypothesis’. Given a mixture of similarities with regard to the religious background (demography, Christian-Muslim-divide) and further surrounding conditions on the one hand and variance in violence on the other hand, the case selection also facilitates the isolation of specific religious factors (organisation, ideas, discourses, behaviour of elites) and, hence, nomothetic results beyond the single-country case.
- Local studies in pertinent ‘hot spots’ in each of the three selected countries which are designed to shed light on the micro level.
- A medium- to large-N comparison aiming at generalization that embraces all sub-Saharan countries and builds on a database already compiled during the pilot study, which, however, will be considerably enlarged during the new project.
As well as answering the general research question on the ambivalence of religion (see above), the study expects to yield results with regard to the following aspects:
- Multi-dimensionality of religion: Which religious factors (above all ideas, institutions, and elites) affect peace or conflict, and under which circumstances?
- Relative weight of religion: What is the relative weight of religion in this context? What other, non-religious factors affect – independently of or in conjunction with religious factors – peace and violence?
- Dynamic impact of religion: To what extent does the impact of religious factors vary over time? To what extent does conflict also affect religion? Are there, for instance, processes of switching (that is change in religious identities) as a result of conflict dynamics?
