Measuring violence and emergent hostility in ongoing civil wars: a mobile phone-based approach
Projektleiter:  Dr. Sebastian Schutte, Zukunftskolleg, Universität Konstanz
Projektbearbeiter: Dr. Constantin Ruhe
Fördersumme: 88 Tsd. Euro

Zusammenfassung

Wie eskalieren politische Konflikte entlang ethnischer und religiöser Linien?

 

Die zeitgenössische Konfliktforschung ist entlang bestimmter Formen von politischer Gewalt organisiert: Terrorismus, Genozid, Aufstände und Massenproteste werden meist von verschiedenen Forschern in unterschiedlichen Projekten untersucht. Bei Bürgerkriegen tritt dabei oft eine zentrale Unterscheidung zwischen „ethnischen“ und „ideologischen“ Bürgerkriegen auf. Im „Ideologischen Bürgerkriegsmodell“ kämpfen Aufständische und Zentralregierung um die Unterstützung der Zivilbevölkerung. Dabei können Zivilisten heimlich Unterstützer der Rebellen oder Informanten der Regierung sein und auch die Seiten wechseln, wenn die Lage dies gebietet. Im „Ethnischen Bürgerkriegsmodell“ kämpft eine ganze ethnische Gruppe gegen die Regierung. Damit ist auch die Loyalität klar vergeben und Unterstützung der Gegenseite sehr unwahrscheinlich.

In der Realität verändern sich allerdings oft Konflikte über Zeit: Aus anfänglich politisch motivierten Aufständen werden ethnische und religiöse Bürgerkriege. Ein gutes Beispiel hierfür ist der Konflikt im Irak: 2003 formierte sich Widerstand gegen die US Invasion und die anschließende Besatzung in Teilen des Militärs und des öffentlichen Dienstes. Die Zerstörung des Landes und das folgende Berufsverbot für Anhänger von Saddams Baath-Partei traf diese Bereiche besonders hart. Der erste politisch und ökonomisch motivierte Aufstand setzte schon 2003 ein. Allerdings kam es ab 2006 und 2007 auch zu verstärkten Spannungen zwischen Anhängern der wichtigsten Strömungen im Islam, den Sunniten und Schiiten, die sich in Terrorangriffen auf die Al-Askari Moschee in Bagdad zeigten und in den folgenden Jahren zehntausende Menschenleben forderten. Ab 2014 hat sich mit ISIS eine neue Allianz aus Militärveteranen und religiös motivierten Aufständischen formiert, die einigen ethnisch-religiösen Gruppen (z.B. den Jesiden) jedes Existenzrecht abspricht. Dies zeigt deutlich, dass Konflikte über die politische Ordnung in der Folge auch Kriege zwischen ethnischen und religiösen Gruppen nach sich ziehen können. Aber wie funktioniert dieser Prozess genau?

Mehrere mögliche Erklärungen lassen sich aus der Literatur ableiten. Eine Möglichkeit wäre, dass einzelne Menschen nach persönlichen Gewalterfahrungen anderen Gruppen feindselig gegenüberstehen. Empfinden viele Menschen gleichzeitig solche Feindseligkeiten, könnte dies eine Veränderung der Konfliktlinien nach sich ziehen. Feindseligkeit beim Einzelnen könnte dann entstehen, wenn etwa vom Verhalten einzelner Gruppenmitglieder, die z.B. Terrorangriffe verüben, auf die Absichten der ganzen Gruppe geschlossen wird. Eine andere Erklärung wäre, dass politische Eliten aktiv andere Gruppen diffamieren und so den Konflikt gezielt verlagern. Auch wäre denkbar, dass Angst vor zukünftigen Zusammenstößen mit anderen Gruppen dazu führt, dass die eigene Sicherheit erhöht wird. Von außen können solche Maßnahmen nach Kriegsvorbereitung aussehen, was die jeweils anderen Gruppen veranlasst, ihre Sicherheit zu erhöhen. Solch ein „Sicherheitsdilemma“ wäre eine weitere Erklärung.

Um diese Theorien zu überprüfen, unterstützt die DSF jetzt Dr. Sebastian Schutte (Uni Konstanz) in einem groß angelegten elektronischen Umfrageprojekt in Indien und Kenia. Beide Länder weisen Konflikte mit geringer Intensität auf, die auch Spannungen zwischen ethnischen und religiösen Gruppen verursachen. Um die Umfragen in Indien und Kenia durchführen zu können, hat Sebastian Schutte im vergangenen Jahr eigens ein Computersystem für Umfragen per SMS entwickelt. In den beiden Ländern besitzt längst nicht jeder Zugang zum Internet. Eine Onlineumfrage, wie sie in Deutschland üblich ist, würde daher nur einen sehr kleinen und spezifischen Teil der Bevölkerung erreichen. Die Ergebnisse ließen sich nicht verallgemeinern. Ein Mobiltelefon hingegen besitzt in Indien und Kenia fast jeder. Da es in diesen Ländern ein Bezahlsystem per SMS gibt, können die Teilnehmer und Teilnehmerinnen der Umfrage auch direkt vergütet werden.

Im Rahmen der Untersuchung soll zunächst eine hinreichende Personenzahl für eine Teilnahme an den Surveys gewonnen werden. Im Laufe der folgenden sechs Monaten sollen die Teilnehmer und Teilnehmerinnen mehrfach Auskünfte über ihre Erfahrungen und Einstellungen gegenüber anderen Gruppen geben. Hierbei werden insbesondere Erlebnisse mit den Mitgliedern anderer ethnisch-religiöser Gruppen und Einwirkung von politischen Eliten abgefragt. Die Analyse von individuellen Erlebnissen zu mehreren Zeitpunkten ermöglicht eine genaue Untersuchung der Mechanismen, die zu feindseligen Einstellungen gegenüber anderen Gruppen führen. Mit dieser neuen Methodik können Konfliktdynamiken mit einer bisher nicht gekannten Genauigkeit erforscht werden. Obwohl Indien und Kenia keine hoch intensiven Konflikte aufweisen, lassen sich an diesen Fallbeispielen Einblicke gewinnen, wie Konflikte in bewaffnete Auseinandersetzungen oder gar Bürgerkriege eskalieren.    

Langfristig könnten die gewonnen Einsichten auch für die Vorhersage von Gewalteskalation verwendet werden. Der internationalen Forschungsgemeinschaft stehen mittlerweile Echtzeitdaten für Konfliktereignisse und Terrorismus zu Verfügung. Über die Ergebnisse der Umfragen könnte man besser abschätzen, wie diese Ereignisse sich auf zukünftige Gewalt zwischen Gruppen auswirken.

Aus wissenschaftlicher Sicht legt die DSF somit den Grundstein für ein längerfristiges Forschungsprogramm. Daraus sollen einerseits Veröffentlichungen in Fachjournalen hervorgehen, aber auch Beiträge zu öffentlichen Debatten rund um Mediale Verantwortung im Umgang mit Terrorismus und politischer Prävention von Gewalteskalationen.

 


Abstract

How do political conflicts escalate along ethnic and religious lines?


Contemporary conflict research is divided into several areas of study: terrorism, genocide, insurgencies, and mass protests are usually analyzed by different scholars and in different research projects. In the study of civil conflict, research frequently relies on a central dichotomy between “ethnic” and “ideological” conflicts. The “ideological civil war model” contends that insurgents and incumbents compete over civilian loyalties. Civilians can secretly collaborate with one side or the other and change allegiances over time according to the conditions. In contrast to this, the “ethnic civil war model” assumes that entire groups fight the central government. Loyalty to one side is fixed and switching alliances is unlikely.

In reality, civil conflicts often change over time: Insurgencies that were initially politically motivated transform into ethnic and religious civil wars. The ongoing conflict in Iraq illustrates this development: Back in 2003, resistance formed against the US invasion and subsequent occupation of parts of the military and public services. The destruction of the country and the occupational ban of members of Saddam's Baath party hit these areas especially hard. This first politically and economically motivated uprising began already in 2003. However, tensions between Sunni and Shia Muslims increased in 2006 and 2007, which culminated in the Al-Askari Mosque bombings. Subsequent sectarian conflict left tens of thousands dead or injured. From 2014 onwards, ISIL formed as a new alliance of military veterans and religiously motivated insurgents and proceeded to deny entire ethnic and religious groups (such as the Yazidis) the right to exist. This development clearly demonstrates how conflicts over political order can lead to subsequent conflicts between groups. But does this process unfold in detail?

Several possible explanations can be derived from the literature. One possibility is that individual group members develop hostile sentiments against groups after having experienced violence personally. If many individuals experience hostilities simultaneously, conflict can emerge along group lines. Such hostilities could also emerge when the behavior of individual group members (such as in terrorist attacks) is presumed to be indicative of the intentions of entire groups. An alternative explanation is that political elites actively defame other groups and thereby deliberately shift the conflict. Moreover, fear of future clashes between groups can lead to enhancing a group’s security measures. From the outside, such measures can seem like preparations for conflict, which in turn lead to mobilization for conflict by the out-group. Such a “security dilemma” would also constitute an explanation.

In order to test these theories, the DSF is supporting Dr. Sebastian Schutte (University of Konstanz) in a major electronic survey study in India and Kenya. Both countries yield low-intensity conflicts which repeatedly spark group-level tensions. To run the surveys in India and Kenya, Sebastian Schutte has developed a computer system over the past year for automated text message surveys. In both countries, only small fractions of the population have access to the internet. An online survey, as regularly conducted in Germany, would only reach a small and specific part of the overall population. The survey results would therefore be hard to generalize. However, nearly all Indians and Kenyans own mobile phones. Moreover, both countries feature a mobile cash system that can be used to reimburse survey respondents after each round of questions.

In a first step, a sufficient number of respondents will be recruited for the survey. Over the subsequent six months, respondents will be asked to repeatedly report their experiences and sentiments towards other groups. The questions will focus on negative experiences with out-group members and actions of political elites. Analyzing individual experiences at multiple points in time enables a thorough analysis of the mechanisms that lead to group-level hostilities. With this setup, conflict dynamics can be studied in unprecedented detail. Although India and Kenya do not yield high intensity conflicts, these cases can grant insights into how conflicts escalate.

In the long term, the granted insights could be used for the prediction of conflict escalations. The research community has access to real-world data on conflict events and terrorism. Based on the insights generated by the surveys, the consequences of such events for group-level conflict could be better extrapolated.

From a scientific point of view, the DSF therefore builds a foundation for a long-term research program. This will lead to publications in peer-reviewed journals, but also to contributions to public debates on responsible reporting on terrorism and political interventions for preventing escalations of violence.

AUS DEN GREMIEN:

 

Neuberufungen in den Stiftungsrat

 

Neues Führungsteam der DSF

 

Neue Mitglieder im Wissenschaftlichen Beirat

 

schneckener aktuell
Informationen zur Teilnahme des Vorstands-Vorsitzenden an Kick-off conference

 

Veranstaltungen der Stiftung:

 

Workshop der Stiftung und Fachsymposion von DSF und FONAS in Berlin

 

Transferveranstaltungen im Rahmen des Projektes „Salafismus in Deutschland. Forschungsstand und Wissenstransfer“

 

15 Jahre Deutsche Stiftung Friedensforschung

Veranstaltung aus Anlass des 15jährigen Bestehens der Stiftung
10. März 2016, 18 Uhr, Friedenssaal des historischen Rathauses der Stadt Osnabrück

zum Bericht

 

NEU IN DER PROJEKTFÖRDERUNG

FÖRDERKONZEPT DSF

 

Foerderkonzept



 

 

NEUE PUBLIKATIONEN

Stiftungseigene Veröffentlichungen

 

Projektpublikationen

 




Handbook on Sustainability Transition and Sustainable Peace
Herausgeber: Brauch, H.G., Oswald Spring, Ú., Grin, J., Scheffran, J. (Eds.) 
Springer 2016

 

dembinski

 

"Auslandseinsätze evaluieren. Wie lässt sich Orientierungswissen zu humanitären Interventionen gewinnen?" von Matthias Dembinski und Thorsten Gromes, HSKF-Report Nr. 8/2016

 

peacebuilding


Peacebuilding in Crisis
Rethinking Paradigms and Practices of Transnational Cooperation
Edited by Tobias Debiel, Thomas Held, Ulrich Schneckener
Routledge 2016

neueste Rezension in: Wissenschaft und Frieden 3/2016, S. 55-56

 

 

 

 

friedensgutachten 2017 

 

 

 

 

Friedensgutachten 2017

 

 

frieden lernen cover 

Frieden lernen mit Reportagen

 

 

 

 


 

 

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