Kleinprojektförderung
Forschungsvorhaben
Kleine Akteure in einem großen Spiel. Die Afghanistanpolitik der zentralasiatischen Staaten
Forschungsprojekt von Dr. Wolfgang Zellner, Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität HamburgLaufzeit: Jan bis Mai 2011
Zusammenfassung
Dieses Projekt befasst sich mit der noch wenig erforschten Thematik der Afghanistanpolitik der fünf zentralasiatischen (ZA) Staaten. Obwohl bekannt ist, dass die zentralasiatischen Staaten äußerst besorgt sind über die Lage in Afghanistan und deren Auswirkungen auf ihre eigenen Länder, gibt es bis jetzt kaum, wenn überhaupt, Untersuchungen darüber, ob die ZA-Staaten durch eigene Initiativen bewusst versuchen, zur Stabilisierung Afghanistans beizutragen, um so ein Übergreifen des Konflikts auf ihre eigenen Länder zu verhindern. Eine Untersuchung dieser Aspekte ist notwendig, um eine Strategie zur Stabilisierung Afghanistans nach dem bevorstehenden Abzug der Koalitionstruppen zu entwickeln. Mehr Kenntnisse über die Afghanistanpolitiken der zentralasiatischen Staaten tragen auch dazu bei, die Dynamiken der noch getrennten Konfliktpotentiale in Afghanistan und Zentralasien besser zu verstehen, deren Verbindung und gemeinsame Eskalation zu einem großen Gewaltkonflikt – hinsichtlich Fläche und Bevölkerung weitaus größer als der auf dem Balkan – führen würde. Solch eine Entwicklung würde für einige Länder, dazu zählen die USA, Westeuropa, Russland und China, negative Konsequenzen mit sich bringen.
Die Literatur über den derzeitigen Krieg in Afghanistan füllt ganze Bibliotheken. Meist handelt sie von den Erfolgsaussichten der westlichen Koalition, der militärischen Strategie der Koalitionstruppen und der Position der USA, der EU und einiger anderer Länder. Die Publikationen zur Rolle Zentralasiens beschäftigen sich hauptsächlich mit der Frage, inwieweit es die Bemühungen der westlichen Allianz unterstützt. Dies bezieht sich auf die politische Unterstützung und – wichtiger noch – auf die Bereitstellung von Stützpunkten und Überflugsrechten für die USA und die Koalitionstruppen sowie die logistische Unterstützung. Die zentralasiatischen Staaten werden jedoch nicht als eigenständige Akteure wahrgenommen.
Eine umfassende Studie über die Beziehungen zwischen Afghanistan und Zentralasien sollte daher folgende Aspekte untersuchen: (a) die Politik, die die fünf zentralasiatischen Staaten in Bezug auf Afghanistan verfolgen, (b) die Auswirkungen, die die diversen Handlungen Afghanistans auf die zentralasiatischen Staaten haben und schließlich (c), die Auswirkungen politischer Maßnahmen externer Akteure auf Afghanistan und die zentralasiatischen Staaten.
Jedoch ist ein derartiges Forschungsdesign für die beantragte fünfmonatige Pilotstudie zu komplex, so dass wir uns ausschließlich auf die Politik der fünf ZA-Staaten konzentrieren, insbesondere auf folgende Aspekte:
- Welche Politik verfolgen die ZA-Staaten in Hinblick auf Afghanistan?
- Verfolgen die zentralasiatischen Staaten einen bilateralen oder multilateralen Ansatz und falls bilateral, haben sich die betroffenen Staaten zumindest mit anderen ZA-Staaten und/oder dem Westen oder anderen Partnern beraten?
- Wurden bestehende Organisationen, in denen die meisten der ZA-Staaten Mitglied sind, wie zum Beispiel die Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit (OVKS) und die Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ), zur Beratung oder Formulierung gemeinsamer politischer Maßnahmen herangezogen?
- Welche Bedrohungsvorstellung und Interessen stehen hinter den Afghanistanpolitiken der ZA-Staaten?
- Inwiefern tragen die ZA-Staaten mit Hilfe ziviler Mittel gezielt zur Stabilisierung der Situation in Afghanistan bei, um ein Übergreifen des Konflikts auf ihr eigenes Land zu verhindern?
Die vorhandenen Dokumente und die verfügbare wissenschaftliche Literatur reichen nicht aus, um diese Fragen zu beantworten. Daher ist eine umfangreiche Feldforschung entscheidend für die erfolgreiche Durchführung des Pilotprojekts.
Die Hauptaufgabe nach dem bevorstehenden Rückzug der Koalitionstruppen aus Afghanistan wird sein, eine Strategie auszuarbeiten, um den 30-jährigen Bürgerkrieg in Afghanistan mit zivilen Mittel zu beenden und somit die gesamte Region zu stabilisieren. Eine wesentliche Voraussetzung für einen Erfolg ist die aktive Einbeziehung der Nachbarstaaten Afghanistans, darunter auch der zentralasiatischen Staaten. Somit ist unser Forschungsvorhaben für die Entwicklung einer realisierbaren Friedensstrategie für Afghanistan von hoher Relevanz. Zudem ist unserer Vorhaben wegweisend, denn bislang gibt es – nach unserem Kenntnisstand – keine Untersuchungen über die Bemühungen der zentralasiatischen Staaten, den Stabilisierungsprozess in Afghanistan mit Hilfe ziviler Maßnahmen bewusst zu unterstützen.
Small Players in a Great Game: The Afghanistan Policies of the Central Asian States
Abstract
This project addresses the broadly under-researched question of which policies the five Central Asian (CA) states have pursued on Afghanistan. What is well known is that the CA states are extremely concerned about the situation in Afghanistan and the impact of developments there on their own countries. However, there is little if any research at all on the question of whether the CA states consciously aim at stabilizing the situation in Afghanistan through their own initiatives in order to prevent a spill-over of the conflict there to their own countries. This kind of research is essential for formulating a stabilization strategy for Afghanistan after the forthcoming withdrawal of the coalition forces. More knowledge on the Afghanistan policies of the CA states is also essential for a better understanding of the dynamics of the still separate conflict potentials in Afghanistan and Central Asia, the inter-linkage and joint escalation of which would lead to a great violent conflict, greater even than the Balkans, in terms of both area and population. Such a development would entail negative consequences for a number of countries, the US, Western Europe, Russia and China among them.
The literature on the current war in Afghanistan has filled libraries. It focuses primarily on the prospects for success of the Western coalition, on the military strategy of the coalition forces, on the positions of the US, the EU countries, Russia, China and a number of other states. Publications on the role of the CA states mainly address the question of the degree to which they support the efforts of the Western Alliance. This refers to political support and – even more importantly – to the provision of basing and over-flight permissions for U.S. and coalition forces as well as other logistical support. However, the CA countries are not taken seriously as actors in their own right.
Thus, a comprehensive study of the relationship between Afghanistan and CA will have to analyse (a) the policies the five CA states pursue on Afghanistan, (b) the impact on the CA countries of diverse actions originating from Afghanistan, and finally (c) the impact of policies of external actors both on Afghanistan and on the CA states.
However, such a research design is definitely too complicated for the 5-month pilot study applied for, during which we will concentrate exclusively on the policies of the five CA states on Afghanistan:
- What policies have the five CA states pursued on Afghanistan?
- Have these policies been bilateral or multilateral approaches and, if bilateral, have the countries involved at least consulted with the other CA states and/or Western or other partners?
- Have existing frameworks, in which most of the CA states are members, such as the CSTO or the SCO, been used for consultations or the formulation of joint policies?
- Which threat perceptions and interests drive the Afghanistan policies of the CA states?
- To what degree do the CA states consciously aim at stabilizing the situation in Afghanistan by civilian means in order to prevent a spill-over of the conflict there to their own countries?
As it is impossible to answer these questions on the basis of the available documents and scholarly literature, extensive field research is essential for successfully implementing the pilot project.
After the forthcoming withdrawal of the coalition forces from Afghanistan, framing a strategy for ending the thirty-year civil war in Afghanistan by civilian means will be a key task for stabilizing the wider region. One essential condition for success is the active inclusion of Afghanistan’s neighbours, among them the CA states. Thus, our research is highly relevant for formulating a viable peace strategy for Afghanistan. Our research is also extremely innovative as, to the best of our knowledge, nobody else has so far made a serious effort to analyze the contributions made by the Central Asian states to the stabilization of Afghanistan by civilian means.
