Kleinprojektförderung
Forschungsvorhaben
Europäisches Konfliktmanagement
durch internationale Governance-Strukturen - der Menschenrechtsschutz
im Rahmen des Europarates am Beispiel der Türkei
Forschungsprojekt von Prof. Dr. Georg Simonis, FernUniversität Hagen
Laufzeit von August 2005 bis März 2006
Projektzusammenfassung (deutsch)
Im Rahmen dieses Projektes soll der
Frage nachgegangen werden, wie europäische Staaten über internationale
Governance-Strukturen ihren Selbstanspruch eines möglichst konstruktiven
Umgangs mit und gewaltfreien Austrags von Konflikten in den internationalen
Beziehungen verwirklichen. Diese Frage umfasst dabei im Prinzip zwei
Aspekte, von denen der erste schwerpunktmäßig bearbeitet wird:
Das Wie im Sinne der ‚Mechanik’ äußerer Einflussnahme
auf innergesellschaftliche Entwicklungen in den Zielstaaten und das Wieweit,
d.h. in welchem Ausmaß diese Politik erfolgreich ist.
Konkret untersucht werden soll die Einwirkung des menschenrechtlichen Förder-
und Kontrollinstrumentariums des Europarates auf die Entwicklung hin zu demokratischer
Rechtsstaatlichkeit in der Türkei.
Analytisch lässt sich dies als der Versuch des konstruktiven Umgangs mit
transnationalen Werte- und Herrschaftskonflikten interpretieren. Im Falle der
Türkei ist dies der Konflikt zwischen einer transnationalen Koalition
von Befürwortern eines menschenrechtlichen Wandels im Sinne des Europarates
einerseits und den Gegnern einer solchen Entwicklung im Lande andererseits.
Die Befürworter stellen eine transnationale Koalition dar, weil von einem
Zusammenwirken staatlicher und nicht-staatlicher Kräfte außerhalb
der Türkei mit staatlichen und nicht-staatlichen Reformbefürwortern
in der Türkei auszugehen ist. Dieser Konflikt ist im Wesentlichen ein
Konflikt um Werte, da es um das menschenrechtliche Grundverständnis geht.
Dies soll aber nicht im Sinne eines Kulturen verdinglichenden „Clash
of Civilizations“ interpretiert werden. Erkennbar ist nämlich auch
eine Interessenskonflikt-Komponente, insofern die Reformgegner zu Recht erkennen,
dass ein Reformerfolg ihre Chancen auf Herrschaft mindern würde. Konstruktiv
ist der Umgang mit diesem Konflikt dann, wenn – und soweit wie – die Übernahme
und Einhaltung menschenrechtlicher Standards letztlich bis in weite Kreise
der Reformgegner nicht als äußere Auferlegung (Oktroi) gesehen und
als Ent-fremdung empfunden wird. Im Erfolgsfall müsste vielmehr erreicht
werden, dass die türkische Gesellschaft sich diese Standards zu eigen
macht.
In Weiterentwicklung vorliegender Studien zur Institutionalisierung internationaler
Konfliktbearbeitung (im Rahmen internationaler Regime) und anknüpfend
an die jüngste konstruktivistische Wende im Bereich der Forschung über
Internationale Beziehungen wird die Rolle des Europarates im Dialog mit der
Türkei hinsichtlich ihrer ‚Mechanik’ untersucht. Dabei geht
es sowohl um Argumentationsmacht bei der Aushandlung einer gemeinsamen Situationsdefinition
und ihr entsprechender normativer Vorgaben als auch um die Überprüfung
ihrer Einhaltung. Das solche Dialog-Verfahren immer auch Einflussnahme von
außen bedeuten wird explizit mitthematisiert.
Die friedenspolitische Relevanz des Projektes ergibt sich aus zweierlei: der
Bedeutung der Erforschung von Verfahren des Umgangs mit inter- bzw. transnationalen
Wertekonflikten zum einen; zum anderen erlaubt es die Interpretation als Herrschaftskonflikt,
die Schwierigkeit der inter- bzw. transnationalen Regulierbarkeit solcher Konflikte
gebührend zu berücksichtigen. Die Kombination beider Konflikt-Typen
ist wegen ihrer potenziellen innerstaatlichen oder gar grenzüberschreitenden
Gewaltträchtigkeit von besonderer friedenspolitischer Relevanz; dies gilt
auch für die Frage, mittels welcher dialog-basierter Verfahren zumindest
die Wertekonflikt-Seite gewaltfreier Bearbeitung zugänglich gemacht werden
kann.
Methodisch versucht die Studie die durchaus schwierig erfassbaren ‚weichen’ Wirkungen
von Dialog-Prozessen ebenso wie die Auswirkungen auf innere Machtkonstellationen
durch Auswertung zugänglicher Primärquellen, internationaler Berichterstattungen
und Sekundärliteratur zu erfassen.
Die Bearbeitungszeit beträgt acht Monate.
Abstract (english)
The project will pursue the question how European states can meet their
self-stated goal of constructive and peaceful conflict management through
international governance structures. This question has two aspects, the
former of which will mainly be tackled with: How such external influence
on intra-societal development works, the 'mechanics', and to what extent
it is successful.
The concrete object of study is: What impact does the Council of Europe's policy
concerning the fostering and supervision of implementation of human rights
standards in Turkey have on the democratization of that country?
Analytically, this is seen as the attempt to constructively manage transnational
conflicts of value as well as of interest in political rule and domination.
In the case of Turkey, these concflicts exist between a transnational coalition
favoring change towards human rights implementation and opponents of such a
development within the country. Change promoters are a transnational coalition
of state and non-state actors outside Turkey allied to change promotors within
the country. This is basically a conflict of values centering around diverging
understandings of human rights. However, this is not to be contrued essentialistically
as a "clash of civilizations". Rather, the second underlying conflict
component is a conflict of interest about political rule and domination. Reform
opponents correctly perceive that their political interests would be affected
by successful reform. Conflict management could be considered constructive
if and to the extent that broad circles in Turkish society do not regard human
rights policy as external imposition of alien standards but can make this project
their own.
Theoretically, the project builds on existing studies on the institutionalization
of international conflict management (international regimes) and is tied to
the recent 'constructivist turn' in international relations research. In looking
at the 'mechanics' of the dialogue between the Council of Europe and Turkey
the power of arguments in setting and implementing human rights standards will
be looked at. However, the fact that such dialogue procedures do in fact constitute
attempted external influence will be given due consideration.
The relevance of the project from a peace research point of view is twofould:
to learn about possibilities to constructively engage in inter- and transnational
value conflicts; and to take note of the particular difficulty of dealing with
the intricately linked conflict of political rule and domination. The combination
of both types of conflicts is not infrequent and gives cases a proneness to
intra- and transnationally violent conflict behaviour. Hence the interest of
peace research in how to deal with at least the value side of such conflicts
peacefully.
In terms of method, the project will procede on the basis of accessible primary
documents, international reporting and secondary analyses published in order
to demonstrate both the 'soft' impact of dialogue procedures and the effects
on internal power relations, in full awareness of the methodical difficulties
involved.
The project duration is eight months.
