Parlamentarische Kontrolle von Militäreinsätzen in westlichen Demokratien

Parliamentary Control of Military Missions in Western Democracies

Publikationen

zum Abschlussbericht

Wolfgang Wagner, Die parlamentarische Kontrolle von Militäreinsätzen. Der Bundestag im internationalen Vergleich, in: Rechtsstaat im Rückstand? /Halten Gesetzgebung, Rechtsprechung und Exekutive mit aktuellen Friedensgefährdungen Schritt? Göttingen/Osnabrück: Vandenhoek & Ruprecht (Osnabrücker Jahrbuch Frieden und Wissenschaft) 2009, 169-177.

Abstract

Peace and Conflict Research has assigned top priority to the democratic control of security and defence politics. Taking the debate on the “Democratic Peace” as a starting point, related research areas including “wars of democratic states”, “security institutions” or “civil-military relations” have also focussed on the particular impact of democratic politics.

Democracies differ substantially in how much democratic control they permit in security and defence politics and how it is organised. This project is concerned with the differences in parliamentary control of and participation in decisions on the use of military force. The project aims to identify the factors responsible for the fact that prior parliamentary approval is obligatory in some democracies while government does not even have to consult parliament in other democracies.

To develop an explanation for the different degrees of parliamentary control of and participation in military missions, five hypotheses drawn from International Relations, Comparative Politics and Democratic Theory shall be devised and tested empirically. According to a “locking-in” hypothesis, parliaments are likely to be powerful, if a country has only recently become a democracy because democratic politicians aim to limit future governments’ room for manoeuvre in security and defence politics. Following the “lessons-learnt” hypothesis, a country is likely to have a powerful parliamentary control over the use of force if it recently suffered from a failed military mission. Furthermore, the “colonialism” hypothesis argues that countries may inherit a low level of parliamentary control over the use of force from a colonial past. The “type-of-democracy” hypothesis emphasises that parliament’s competencies also depend on parliament’s overall position within the political system. Finally, the “internationalisation” hypothesis holds that a country’s level of parliamentary control decreases with the level of multinational integration of its armed forces.

The selection of countries for this study has been guided by two considerations. First, in order to concentrate on differences across democratic states, the democratic character of the countries examined should be beyond doubt. Therefore, only countries with a democracy score of “9” or “10” in the POLITY database are included in this study. Second, in order to limit the heterogeneity of the group under examination, the project concentrates on countries which are members of the Organisation for Economic Cooperation and Development (OECD), i.e. on countries with a high level of economic development (broadly: “Western democracies”). As a result, the following group of countries will be examined: Australia, Austria, Belgium, Canada, the Czech Republic, Denmark, Germany, Finland, France, Greece, Hungary, Ireland, Italy, Japan, Luxembourg, New Zealand, the Netherlands, Norway, Poland, Portugal, Slovakia, Spain, Sweden, Switzerland, the United Kingdom and the United States.

Methodologically, the project draws on Comparative Qualitative Analysis as developed by Charles Ragin because 26 cases are too many for in-depth country studies and not enough for multivariate regression analysis.

Parlamentarische Kontrolle von Militäreinsätzen in westlichen Demokratien

Zusammenfassung

Der demokratischen Kontrolle der Sicherheits- und Verteidigungspolitik wird in der Friedens- und Konfliktforschung größte Bedeutung beigemessen. Ausgehend von der Debatte um den „demokratischen Frieden“ haben die Besonderheiten demokratischer Politik auch in benachbarten Forschungsfeldern wie „Kriege demokratischer Staaten“, „Sicherheitsinstitutionen“ oder „zivil-militärische Beziehungen“ wachsende Aufmerksamkeit erfahren.

Demokratien unterscheiden sich allerdings ganz erheblich darin, wie viel demokratische Kontrolle im Bereich der Sicherheits- und Verteidigungspolitik zugelassen wird und wie diese organisiert ist. Das Projekt widmet sich diesen Unterschieden im Bereich der parlamentarischen Kontrolle und Mitbestimmung bei Entscheidungen über den Einsatz von Streitkräften. Das Projekt möchte herausfinden, aufgrund welcher Faktoren in einigen Demokratien vor einer Entsendung von Streitkräften die Zustimmung des Parlaments erforderlich ist, während in anderen Demokratien die Regierung das Parlament nicht einmal konsultieren muss.

Um eine Erklärung für das unterschiedliche Ausmaß parlamentarischer Kontrolle und Mitbestimmung bei Militäreinsätzen zu entwickeln, werden aus den Internationalen Beziehungen, der Vergleichenden Systemforschung und der Demokratietheorie fünf Hypothesen entwickelt und empirisch überprüft: Die „locking-in“-Hypothese geht davon aus, dass der Grad parlamentarischer Kontrolle von Militäreinsätzen immer dann besonders niedrig sein wird, wenn das Land bereits auf eine lange Tradition als Demokratie zurückblickt und institutionelle Vorkehrungen gegenüber zukünftigen Regierungen weniger dringlich erscheinen. Die „lessons-learnt“-Hypothese sieht den Grad parlamentarischer Kontrolle von Militäreinsätzen eher im Zusammenhang mit den Erfolgen oder Misserfolgen des letzten großen Militäreinsatzes: Scheitert ein Einsatz bzw. bringt hohe Verluste mit sich, ist eine Stärkung parlamentarischer Kontrollinstrumente gegenüber der Regierung zu erwarten. Die „Kolonialismus“-Hypothese vermutet, dass sich die Vergangenheit als Kolonialstaat in einer Marginalisierung des Parlaments bei Militärmissionen niederschlägt. Die „Demokratietyp“-Hypothese hingegen betrachtet den Grad parlamentarischer Kontrolle von Militäreinsätzen in Abhängigkeit von der Funktion des Parlaments im politischen System einer parlamentarischen oder präsidentiellen Demokratie. Die „Internationalisierungs“-Hypothese schließlich führt einen geringen Grad parlamentarischer Kontrolle von Militäreinsätzen auf die Anforderungen integrierter Militärstrukturen zurück.

Um die Erklärungskraft von fünf möglichen Faktoren untersuchen zu können, ist einerseits eine große Zahl an Fällen, andererseits ein hohes Maß an Homogenität bei anderen Staatenmerkmalen wünschenswert, weil mit der Heterogenität der untersuchten Staaten natürlich auch die Gefahr möglicher Verzerrungen durch unberücksichtigte Variablen wächst. Für die Fallauswahl werden daher zwei Kriterien angelegt: Zum einen werden nur Staaten berücksichtigt, deren demokratischer Charakter über jeden Zweifel erhaben ist, weil sie hohe Demokratie-Werte auf der in der Demokratie/Frieden-Debatte einschlägigen Polity IV-Skala erzielen. Zum anderen werden nur Demokratien mit einem hohen ökonomischen Entwicklungsniveau untersucht, für das die Mitgliedschaft in der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) als Indikator gilt. Infolge dieser Fallauswahl sollen im Laufe des Projekts die entsprechenden Daten für insgesamt 26 Staaten gesammelt werden. Zu diesen gehören Australien, Belgien, Dänemark, Deutschland, Finnland, Frankreich, Griechenland, Großbritannien, Irland, Italien, Japan, Kanada, Luxemburg, Neuseeland, die Niederlande, Norwegen, Österreich, Polen, Portugal, Schweden, die Schweiz, Slowakei, Spanien, Tschechien, Ungarn und die USA.

Da die Zahl von 26 Fällen für eine vergleichende Fallstudienanalyse zu hoch, aber für eine multivariate Regressionsanalyse gering ist, wird die von Charles Ragin entwickelte Methode der Qualitative Comparative Analysis (QCA) angewendet.