Komplexe Interventionen in die Konflikte im ehemaligen Jugoslawien, 1988-2001
Forschungseinrichtung: Institut für Friedenarbeit und gewaltfreie Konfliktaustragung (IFGK)
Projektleitung: Dr. Barbara Müller
Publikationen
meine Dissertation zu zivilgesellschaftlichen Akteuren im ehemaligen Jugoslawien ist jetzt auf der Website des IFGK: http://www.ifgk.de/oben/publikationen_all.htm. (Dort unter "weitere Publikationen".)
Schweitzer, Christiane: Zivile Konfliktbearbeitung im internationalen Kontext. In: gewaltfreie aktion. Heft 132, 34. Jahrgang, 3. Quartal 2002. S. 5-15.
Schweitzer, Christiane: Nonviolent Intervention. Centre for Peace Studies Tromsö. CPS Working Paper No 7. April 2003.
Schweitzer, Christiane: Zivile Intervention. In: Sommer, Gert / Fuchs, Albert (eds): Krieg und Frieden. Handbuch der Konflikt- und Friedenspsychologie. Weinheim/Basel/Berlin. 2004. S. 508-521
Schweitzer, Christiane: Ziviler Widerstand im Kosovo. In: Wissenschaft & Frieden 3/04. S. 20-21
Schweitzer, Christiane: Prävention und zivile Konfliktbearbeitung. In: Engels, Dieter / Kirstein, Wolfgang / Rabe, Günter (eds.): EU-Militarisierung oder ein friedliches Europa? Hamburg: GNN-Verlag 2004. S. 127-138
Schweitzer, Christiane: Balkan Peace Team. In: People Building Peace II. ed. European Centre for Conflict Prevention. Utrecht.
Zusammenfassung
Das Ziel des beantragten Forschungsprojektes ist die Erstellung einer Studie, die die Interventionen in die Konflikte im Raum des ehemaligen Jugoslawien erfassen, systematisieren und neue Erkenntnisse zum Verständnis komplexer Konfliktinterventionen durch staatliche und nicht-staatliche Akteure liefern soll.
Geplantes Vorgehen: Erster Schritt der Studie soll eine möglichst umfassende Erhebung der internationalen staatlichen und NRO-Interventionen in die Konflikte im ehemaligen Jugoslawien zwischen 1988/89 und 2001 auf der Basis von Literatur sein. Hierzu sollen u.a. wissenschaftliche Studien, Berichte von Monitoring-Missionen, Tages -und Wochenzeitungen und Artikel von Publizisten aus den betroffenen Ländern herangezogen werden.
Die Interventionen sollen nach folgenden Stichworten chronologisch erfasst und kategorisiert werden: Instrument (z.B. ökonomische Sanktion, Mediation usw.), Akteur und Akteurstyp (z.B. OSZE-internationale Organisation, Nansen Akademie-NRO), Zuordnung zu Friedensstrategie (Peacebuilding, Peacemaking usw.), Wirkungsraum (z.B. eine Kommune, eine Region in einem Land bis hin zum gesamten Raum des ehemaligen Jugoslawiens), Dauer der Intervention, ihre Intention.
Die Frage der Wirkung von Interventionen ist eine, die wissenschaftlich nur schwer erfasst werden kann, da Konflikttransformationen stets multikausal und Ursachen nur schwer herausfilterbar sind. Um sich dieser Frage dennoch anzunähern, sollen deshalb zunächst Aussagen in den Quellen über Wirkungen der Intervention erfasst werden. Diese Aussagen können dann miteinander in Verbindung gebracht und auf diese Weise auf ihre Plausibilität überprüft werden. Zudem soll der Frage des Verhältnisses der verschiedenen Interventionen zueinander (Ergänzung/ Wechselwirkungen) nachgegangen werden.
Abschließend sollen drei Hypothesen zu folgenden Fragestellungen geprüft werden:
- mögliche Zielkonflikte zwischen einem Krisenpräventions- und einem menschenrechtlich orientierten Vorgehen,
- Wechselverhältnis von Parteinahme und Unparteilichkeit der Interventen und
- Wirkung von Drohung mit gewaltsamen Eingreifen.
Die Untersuchung soll die erreichten Möglichkeiten und die Defizite von ziviler Konfliktbearbeitung in einer neuen Zusammenschau aufzeigen. Hieraus will sie Konsequenzen und Empfehlungen ableiten für die konzeptionelle Weiterentwicklung von ziviler Konfliktbearbeitung durch staatliche und nicht-staatliche Akteure und den Aufbau einer entsprechenden Infrastruktur.
Relevanz der Studie und erwartete Ergebnisse: Internationale Konfliktintervention ist ein Thema, das in den letzten zehn Jahren viel Aufmerksamkeit in der Friedens- und Konfliktforschung gefunden hat. Eine vergleichende Untersuchung verschiedener Interventionen in Bezug auf die Konflikte in einem geographisch/politischen Konfliktraum über einen längeren Zeitraum besteht nach unserer Kenntnis bislang nicht. Insbesondere beschränken sich alle uns bekannten Untersuchungen zum jugoslawischen Konfliktgebiet sich entweder auf das Handeln bestimmter Akteure oder auf sehr enge Zeiträume.
Die Konflikte im ehemaligen Jugoslawien eignen sich besonders gut als Studiengebiet für eine vergleichende Studie von Konfliktinterventionen. Es gibt kaum ein Konfliktgebiet, in dem so viele verschiedene staatliche wie nicht-staatliche Akteure unter Einsatz von so großen personalen und finanziellen Ressourcen eingriffen. Es finden sich praktisch alle denkbaren Interventionstypen und Strategien (von Prävention über Peace Enforcement bis zu Peacebuilding). Darüber hinaus war der Konflikt äußerst bedeutsam für die Entwicklung der internationalen Politik im ausgehenden 20. Jahrhundert. So trug er bei zur Verschiebung der Gewichte zwischen internationalen Organisationen (UNO, OSZE, NATO) und zu Veränderungen in Struktur, Zielsetzung und Organisation dieser Organisationen (z. B. die Entwicklung einer gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik der EU) bei, und setzte Akzente für die Weiterentwicklung des Völkerrechts (z.B. Schaffung des Internationalen Strafgerichtshofs).
Von dem hier verfolgten Ansatz, komplexe Interventionen zu erfassen, erhoffen wir uns neue Erkenntnisse über mögliche Wirkungszusammenhänge von Interventionen.
Zudem kann ein solch umfassender Ansatz, der verschiedene Akteurs- und Interventionsformen miteinander in Verbindung bringt, einen Beitrag zum Konzept der Multi-Track-Diplomacy (d.h. Konfliktbearbeitung in einer konzertierten Aktion verschiedener staatlicher und nicht-staatlicher Akteure) leisten.

