Staatsverfall
als friedens- und entwicklungspolitische Herausforderung: Wie können
Gewaltstrukturen transformiert und Governance-Ansätze gestärkt
werden?
Eine konzeptionelle Untersuchung mit empirisch-analytischer Anwendung auf Somalia
und Afghanistan
Publikationen
2007:
Debiel, Tobias/Lambach, Daniel/Pech, Birgit: Geberpolitiken ohne verlässlichen Kompass? Zum Wandel des Governance-Diskurses in schwierigen Zeiten. In: Aus Politik und Zeitgeschichte Nr. 48 2007, S. 10-16.
Mielke, Katja/Schetter, Conrad: Where ist he Village? Local Perceptions and Development Approaches in Kunduz Province. Asien 104 2007, S. 71-87.
Schetter, Conrad: Lokale Macht- und Gewaltstrukturen in Afghanistan. In: Aus Politik und Zeitgeschichte Nr. 39 2007, S. 3-10.
Schetter, Conrad: Talibanistan – der Anti-Staat. In: Internationales Asienforum Nr. 38 2007, S. 233-257.
Schetter, Conrad/Glassner, Rainer: Bundeswehreinsatz und ziviles Engagement in Afghanistan. In: Südasien Nr. 27/28 2007, S. 96-99.
2008:
Ibrahim, Mohamed/Terlinden, Ulf: Making Peace, Rebuilding Institutions: Somaliland – a Success Story? In: Harneit-Sievers, Axel/Spilker, Dirk (Eds): Promoting Democracy under Conditions of State Fragility. Volume 2. Somalia. Nairobi (Heinrich Böll Stiftung) 2008, S. 58-77.
Schetter, Conrad/Mielke, Katja: Staatlichkeit und Intervention in Afghanistan. In: Die Friedens-Warte. Journal of International Peace and Organization 83 (2008), 1, S. 71-96.
Schetter, Conrad: Talibanistan oder das Ende der staatlichen Ordnung. In: Wissenschaft und Frieden 26 (2008),3, S. 22-25.
Schetter, Conrad: Talibanistan. Lo Stato Fantasma. Limes 1 2008, S. 195-205.
Terlinden Ulf: Emerging Governance in Somaliland: A Perspective from Below. In: Bruchhaus, Eva-Maria/Sommer, Monika (Eds): Hot Spot Horn of Africa Revisited. Hamburg: Lit Verlag 2008, pp. 51-67.
2009:
Debiel, Tobias/Lambach, Daniel: How State-Building Strategies Miss Local Realities. In: Peace Review Vol. 21 (1) 2009, pp. 22-28.
Debiel, Tobias/Glassner, Rainer/Schetter, Conrad/Terlinden, Ulf: Local State-Building in Afghanistan and Somaliland. In: Peace Review Vol. 21 (1) 2009, pp. 38-44.
Schetter, Conrad/ Glassner, Rainer: The Changing Face of Warlordism in Afghanistan. In: The Afghanistan Challenge. Hard Realities and Strategic Choices. Hrsg. Von Hans-Georg Ehrhart und Charles Pentland. Montreal: McGill-Queens University Press 2009, pp. 37-56.
Hassan, Mohammed/Terlinden, Ulf: Somaliland: Potential and Limits of Home-grown Peacemaking and Political Reconstruction. In: Accord, Somalia volume. forthcoming
Zusammenfassung
Seit dem 11. September 2001 stehen Kriege, die mit der Erosion von Staatlichkeit
und der Etablierung von Gewaltstrukturen jenseits staatlicher Kontrolle einhergehen,
wieder hoch auf der politischen Agenda. Sowohl in der Friedens- und Sicherheitspolitik
als auch in der Entwicklungspolitik hat ein Umdenken stattgefunden: So genannte „hoffnungslose
Fälle“, die wie Afghanistan oder Somalia kaum Beachtung fanden und
aus der Entwicklungszusammenarbeit (EZ) kategorisch ausgeschlossen wurden, ziehen
nun eine besondere Aufmerksamkeit auf sich.
Das Forschungsprojekt nimmt vor diesem Hintergrund die politischen und gesellschaftlichen
Dimensionen von Gewalt- und Governance-Strukturen in Zeiten des Staatsverfalls
in den Blick und fragt, wie eine Transformation im Rahmen eines umfassenden Prozesses
der Friedenskonsolidierung gelingen kann. Internationale Akteure (Diplomatie,
rotektoratsverwaltung, Hilfsorganisationen, zivile Entwicklungshelfer, Militär
und internationale Polizeikräfte) stehen oftmals vor der grundlegenden Frage,
wie und mit wem ein (politischer) Wiederaufbau nach dem Zusammenbruch von Staatsstrukturen
vonstatten gehen soll. Staatliche Akteure als traditionelle Partner existieren
entweder nicht (wie in Somalia) oder sind extrem schwach (wie in Afghanistan).
Eine Zivilgesellschaft fehlt in der Regel ebenfalls als Ansprechpartner. Beim
Umgang mit so genannten Warlords, also den privaten Akteuren, die die Mittel
der Gewalt kontrollieren, besteht das Dilemma, dass sie einerseits essentieller
Teil des Problems sind, andererseits Prozesse der Friedenskonsolidierung und
des state-building, die in offener Konfrontation zu Kriegsherren stehen, zum
Scheitern verurteilt scheinen.
Das Forschungsvorhaben strebt hier eine empirische Vertiefung durch qualitativ
orientierte Feldforschung über lokale und nationale Machtstrukturen an,
ausgehend von einer übergreifenden Konzeptionalisierung der Thematik. Hierfür
haben wir mit Somalia und Afghanistan zwei Länder identifiziert, in denen
ein weitgehender Zerfall von Staatlichkeit stattgefunden hat und deren gesellschaftliche
Strukturen und historische Erfahrungen aufschlussreiche Vergleiche ermöglichen.
Das Wechselspiel lokaler und nationaler Macht- und Herrschaftsstrukturen steht
im Vordergrund und soll jeweils anhand von jeweils zwei Regionen in Afghanistan
(Kunduz und Herat) und Somalia (Somaliland und Hiran) analysiert werden.
Das Forschungsprojekt will eine zentrale Forschungslücke füllen: Der
empirisch gesättigte Wissensstand, wie unter Bedingungen verfallender Staatlichkeit
spezifische Ordnungs- und Governance-Funktionen in rudimentärer Weise erfüllt
werden können, ist gering. Die Konzentration auf den Verfall des Zentralstaates
(„Nationalstaates“) hat bislang die vertikale Ebene – sprich
dessen Bedeutung und Verhältnis zu lokalen und anderen sub-nationalen Herrschaftssystemen – vernachlässigt.
Als innovatives Herangehen an Phänomene des Staatsverfalls werden daher
zwei Fragenkomplexe in den Mittelpunkt gestellt: a) die Analyse von Staatsverfall
und sich etablierenden Gewalt-, Ordnungs- und Governance-Strukturen im Wechselspiel
von lokaler und nationaler Ebene; b) den Beitrag, den internationale Akteure
in einem Mehrebenen-Modell von Governance leisten können, das bis auf die
lokale Ebene hin heruntergebrochen wird und Antworten auf handlungsorientierte
Dilemmata (z.B. Einbeziehung von Warlords vs. Stärkung friedensorientierter
Kräfte) sucht.

