Geschichte der Kriegsberichterstattung im 20. Jahrhundert: Strukturen und Erfahrungszusammenhänge aus der akteurszentrierten Perspektive
Forschungseinrichtung: TU Braunschweig
Projektleitung: Prof. Dr. Daniel
Publikationen:
Lars Klein: Vom "Enthauptungsschlag" zum Fall der Saddam-Statue. Der jüngste Irak-Krieg in der Medienberichterstattung. In: Zeithistorische Forschungen / Studies in Contemporay History. Online-Ausgabe 2/2005. H. 1.
Augenzeugen. Kriegsberichterstattung vom 18. zum 21. Jahrhundert. Hrsg. von Ute Daniel. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2006.
Zusammenfassung
Bringen die sogenannten „neuen Kriege“ eine neue Art von
Berichterstattern hervor? Die Kriegsberichterstattung wird seit dem Zweiten
Golfkrieg wieder verstärkt erforscht und in den Medien selbst zum
Thema gemacht. Doch während zumeist die immer wieder angepassten
Maßnahmen der Medienpolitik betrachtet werden – die vieldiskutierten „embedded
correspondents“ sind da nur ein Beispiel – widmet sich dieses
Projekt nicht in erster Linie den strukturellen Bedingungen der Kriegsberichterstattung.
Die Perspektive der Kriegsberichterstattung hat sich seit dem Libanon-Krieg
der frühen 1980er etwa beständig erweitert, zeigt beide Seiten eines
Krieges, zeigt Bilder aus Bomben und Soldaten auf Panzerfahrt durch die Wüste.
Wie die Versuche der Beeinflussung seitens der kriegführenden Parteien
unterliegen auch die Maßnahmen und Methoden der Berichterstattung einem
ständigen Wandel. Das hier skizzierte Projekt widmet sich den in der deutschen
Geschichtswissenschaft bislang kaum berücksichtigten Fragen der journalistischen
Arbeit vor Ort, den Einflüssen, welchen sie unterlag, den Personen der
Kriegsberichterstatter und -berichterstatterinnen sowie deren Handlungs- und
Wahrnehmungsweisen.
Es soll gezeigt werden, wie sich schon im 19. Jahrhundert Muster, Rollenverständnisse
und Mythen ausgebildet haben, an welche heutige Kriegsberichterstatter weiterhin
anknüpfen. Zu diesem Zweck widmet sich ein Teil des Projektes den Kriegen
um die Jahrhundertwende, die an der europäischen Peripherie sowie außerhalb
Europas geführt wurden. Hier waren die Journalisten schwer zu kontrollieren
und in die Belange der jeweiligen Seite zu integrieren. Es waren vor allem
diese asymmetrischen Kriege, in denen sich Rollenbilder der Kriegsberichterstatter
ausprägten, die sich als stilgebend erweisen sollten. Jene Kriege sind
zudem insofern von außerordentlich großem Interesse, weil sie dem
Typus des „kleinen Krieges“ angehören, der in der zweiten
Hälfte des 20. Jahrhunderts die militärischen Auseinandersetzungen
prägt – und folglich die Kriegsberichterstattung. Mit ihnen wird
sich der zweite Teil des Projektes befassen, beispielhaft an den Kriegen und
Interventionen in Libanon, Grenada, Bosnien, Kosovo, bis hin zu Afghanistan
und Irak.
Anhand dieser asymmetrischen Kriege am Anfang wie Ende des Jahrhunderts sollen
Praktiken und Einstellungen der „men and women on the spot“ verglichen
werden. Welche Personen wurden als Korrespondenten entsandt, über welche
Vorkenntnisse verfügten sie, wie gingen sie mit ihren jeweiligen Auftragebern
um? Wie unterscheidet sich das Selbstverständnis der Kriegsberichterstatter
um 1900 von dem der heutigen Korrespondenten? Wie hat sich in diesem Zusammenhang
der Wandel sowohl der Kriegführung wie der Kommunikationstechnologie ausgewirkt?
Im Zuge der Beantwortung dieser Fragen soll eine Datenbank der Kriegsberichterstatter
entstehen, die nach ihrer Fertigstellung im Internet verfügbar gemacht
werden soll.
Weil Kriege per se von transnationaler Bedeutung sind, müsste es ihre historische Analyse – und insbesondere die Analyse der Kriegsberichterstattung – ebenfalls sein, und doch stellen transnationale Fragestellungen gerade hier ein dringendes Desiderat dar. Auch die Mediengeschichte lässt sich im Grunde nur mit transnationalem Zugang analysieren, spätestens seit sich der Markt Mitte des 19. Jahrhunderts durch die Verbreitung der Telegraphie und der Gründung von Nachrichtenagenturen globalisiert hat. Dem wird hier Rechnung getragen, indem die Berichterstattung in britischen, deutschen, amerikanischen und schweizerischen Medien untersucht wird.
