Demobilisierung und Remobilisierung in Äthiopien ab 1991
Forschungseinrichtung: Universität Hannover, Historisches Seminar
Projektleitung: Prof. Dr. Helmut Bley
Am Historischen Seminar der Universität Hannover besteht ein langjähriger
Arbeitszusammenhang zu unterschiedlichen Themen der Geschichte Afrikas
im 20. Jahrhundert. Innerhalb des Historischen Seminars ist hieraus ein
eigener Arbeitsbereich Afrikanische Geschichte / Africa Research Group
entstanden, in dessen Rahmen sich mehrere Projekte mit Fragen der Kriegsfolgen
und ihrer Bewältigung in Afrika beschäftigten (Nigeria, Uganda,
Mosambik, Eritrea). Als Vorarbeiten zu diesem Forschungsprojekt sind
u.a. die Arbeiten von Frank Schubert zum Demobilisierungsprozess in Uganda,
von Torsten Meier und Freya Grünhagen zur Flüchtlingsrepatriierung
in Mosambik und Eritrea, sowie als jüngste Arbeit die Untersuchung
von Hartmut Quehl zur Sozialgeschichte des Eritreischen Unabhängigkeitskrieges
zu sehen.
In diesem Kontext ist dieses Forschungsprojekt als einen Schritt zu betrachten,
die bereits existierenden Forschungsschwerpunkte "Sozialgeschichte postkolonialer
Kriege in Sub-Sahara Afrika" und "Kriegsfolgenbewältigung",
sowie den regionalen Schwerpunkt "Horn von Afrika" weiter auszubauen.
Ein neues Forschungsvorhaben von Hartmut Quehl ist in Vorbereitung, das darauf
zielt, unter Heranziehung der Ergebnisse des hier vorgestellten Forschungsvorhabens,
analoge Fragestellungen komparativ für Eritrea, Dschibuti und Somalia
behandeln.
Publikationen
Günter Schröder: Demobilisation and Remobilisation in Ethiopia after 1991. A note on an on-going research project. In: Hot Spot Horn of Africa (Ed. Eva-Maria Bruchhaus). Münster-Hamburg-London. 2003.
Günter Schröder: Demobilisierung von Soldaten. Ein notwendiger, aber nicht hinreichender Beitrag zur Friedenssicherung in Konfliktregionen. In: Uni-Magazin. Zeitschrift der Universität Hannover. Ausgabe 1/2-2003. Hannover 2003.
Kurzbeschreibung des Forschungsvorhabens
In Äthiopien fanden nach dem Machtwechsel 1991 umfangreiche
Demobilisierungsprozesse aus bewaffneten Verbänden (reguläre
Armeen, Truppen von Befreiungsbewegungen) statt. Gleichzeitig wurden
die Militärausgaben erheblich abgesenkt. Die internationale Gemeinschaft
begrüßte und unterstützte diese Maßnahmen als Teil
einer auf Friedenssicherung gerichteten Politik der neuen äthiopischen
Regierung. Der als positiver Modellfall wahrgenommene Prozess der Demobilisierung
und Reintegration von Ex-Kämpfern in Äthiopien bildete in einer
kontinentalen Perspektive Teil eines allgemeinen Prozesses der Demobilisierung
und Reduktion militärischer Personalstärken sowie der Senkung
von Militärausgaben im subsaharischen Afrika nach Ende des Kalten
Krieges.
Der äthiopisch-eritreische Krieg (1998-2000) zerstörte die in der
internationalen Gemeinschaft gehegten Hoffnungen, der nach 1991 erlangte Friedensbonus
sei von Dauer. Er resultierte in einer massiven Ausweitung der Armeen der Kriegsgegner
und Erhöhung der Militärausgaben. Nach Ende der Kämpfe im Juni
2000 wurden erneute Demobilisierungen und Senkungen der Militärausgaben
angekündigt, aber auf absehbare Zeit werden weder Äthiopien noch
Eritrea ihre Militärausgaben und Armeestärken auf den Vorkriegsstand
herunterfahren. Dennoch haben die angekündigten Demobilisierungen und
Senkungen der Militärausgaben erneut in der internationalen Gemeinschaft
die Hoffnung geweckt, dass sie dieses Mal von größerer Nachhaltigkeit
sein werden.
Eine kritische Beleuchtung der abgelaufenen Demobilisierungsprozesse und der
politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in Äthiopien und im Horn
von Afrika insgesamt nach 1991 legt nahe, dass diese Hoffnungen zumindest verfrüht
sind. Nach 1991 fanden weder in Äthiopien noch in Eritrea, von Somalia
und Dschibuti einmal ganz abgesehen, tief greifende und nachhaltige Demokratisierungsprozesse
statt. Nur diese hätten zu einer Reduktion der historisch entstandenen
hohen inner- wie zwischenstaatlichen Konfliktpotentiale im Horn von Afrika
führen können, die Voraussetzung für die Nachhaltigkeit der
durchgeführten Demobilisierungsprozesse gewesen wäre.
Der äthiopisch-eritreische Krieg 1998-2000 ist hinreichend Grund, die
Gesamtentwicklung in der Region einschließlich der Demobilisierungen
und militärischen Rekonfigurationsprozesse sorgfältig zu reevaluieren
Dies soll in diesem Forschungsvorhaben geleistet werden Die Betrachtung wird
sich auf die Frage konzentrieren, ob die abgelaufenen Demobilisierungen in
Verbindung mit der Rekonfiguration der bewaffneten Organe der neuen Staatsmacht
zentrale Elemente der EPRDF/TPLF Strategie waren, um nach dem militärischen
Sieg über den Derg die politische Alleinherrschaft in Äthiopien durch
militärisch abgesicherte Ausschaltung aller Konkurrenten zu erlangen und
zu behalten.
Diese Reevaluierung muss die abgelaufenen Demobilisierungen sowohl in ihren
aktuellen politischen Kontexten wie auch in ihren historischen Dimensionen
analysieren. Nur dies wird erlauben, tragfähige Aussagen über die
Chancen für langfristige und nachhaltige Friedenssicherung durch Reduktion
von Konfliktpotentialen und Demilitarisierung in Äthiopien und den anderen
Staaten der Region zu formulieren. Ohne die Reduktion von Konfliktpotentialen
und die Demilitarisierung der Staaten und Gesellschaften im Horn von Afrika
werden in der Sache möglicherweise erfolgreiche Demobilisierungen immer
nur Stückwerk von begrenzter Dauer bleiben.
Die zentrale These des Forschungsvorhaben geht davon aus, dass das Länderfallbeispiel Äthiopien
deutlich zeigt, dass Demobilisierungsprozesse der Planung von Machterhalt und
Herrschaftssicherung dienen, die durch ein verwobenes Netz von Demobilisierung
und Rekonfiguration der militärischen und anderer staatlicher Sicherheitsapparate
realisiert werden. Dementsprechend liegt der Schwerpunkt der Untersuchung auf
der Analyse der diesbezüglichen Strategien der militärischen und
politischen Hauptakteure. Die Demobilisierungsprozesse, die in Äthiopien
nach 1991 abliefen und in Jahre 2000 nach Ende des äthiopisch-eritreischen
Kriegs erneut einsetzten, sind daher sowohl in ihrem Verlauf als auch in ihrem
jeweiligen übergeordneten politischen Kontext aufzuarbeiten und darzustellen.
Diese Analyse ist einzubetten in eine knappe historische Analyse des Strukturwandels
des äthiopischen Staates seit Ende des 19. Jh., in der besonders die Rolle
von Gewalt und Militär für die Konstituierung von Staatsmacht berücksichtigt
werden soll. Diese Untersuchung soll erlauben, die Konfliktpotentiale zu beschreiben,
die in diesem Raume als Resultat eines unvollendeten Prozesses der Transformation
zur Moderne entstanden und immer wieder in gewaltsam und unter Einsatz von
militärischen Mitteln ausgetragenen Auseinandersetzungen unter den politischen
Akteuren dieses Raumes resultierten. Unter diesem Aspekt versteht sich dieses
Forschungsvorhaben auch als Beitrag zu einer Aufarbeitung der Transformationsproblematik
der Gesellschaften dieses Raums.
Seit den 80er Jahren sind Demobilisierungsprozesse in afrikanischen und anderen Staaten verstärkt Gegenstand wissenschaftlicher Forschung. Im Laufe der Zeit entstand hierzu eine umfangreiche Literatur. Viele dieser Arbeiten konzentrieren sich auf
- die unmittelbaren Kontexte der Demobilisierung und
- ihre praktische Durchführung.
Die Untersuchung
- der historischen Hintergründe für die bewaffneten Konflikte, die Demobilisierungsprozessen vorausgingen,
- der Rolle von Gewalt und Militär in den betreffenden Gesellschaften und Staaten,
- der historischen und politischen Kontexte der Demobilisierungsprozesse und
- der Fragilität der Demobilisierungsprozesse bedingenden kontemporären politischen Zusammenhänge
gerät demgegenüber in diesen Arbeiten oft zu kurz oder fehlt völlig.
Andererseits liegen in der Friedens- und Konfliktforschung zahlreiche
Arbeiten vor, die sich intensiv mit den Ursachen von bewaffnet ausgetragenen
Konflikten befassen. Zunehmend werden die Ergebnisse dieser Forschung
auch für die Untersuchung von Demobilisierungsprozessen herangezogen.
Hieraus ergeben sich wertvolle Einsichten nicht nur für das Zustandekommen
und die Durchführung von Demobilisierungsprozessen, sondern auch
wichtige Aufschlüsse für ihr wiederholtes Scheitern. Als wesentliche
Ursache für Letzteres stellt sich immer wieder die Schwäche
der politischen Institutionen und der Zivilgesellschaften in den betreffenden
Ländern heraus, aber auch deren ökonomische Schwächen
und soziale Verwerfungen, die in hohen Konfliktpotentialen (Verteilungskämpfen)
resultieren. Die Verbindung der Friedens- und Konfliktforschung mit den
Untersuchungen von Demobilisierungsprozessen fördert den Forschungsansatz,
die Demobilisierungsprozesse und die Konflikte, in die sie eingebettet
sind, letztlich als Aspekte einer umfassenderen Problematik unvollendeter
Transformationen zur Moderne zu begreifen.
Der als positiver Modellfall wahrgenommene Prozess der Demobilisierung und
Reintegration von Ex-Kämpfern in Äthiopien ist in zahlreichen Studien
beschrieben worden. Jedoch die meisten dieser Studien konzentrierten sich auf
Aspekte des engeren Demobilisierungs- und Reintegrationsprozesses: Abwicklung
und sozio-ökonomische Eigenschaften der Zielgruppen der Demobilisierungsprozesse,
Planung und Eigenschaften, Durchführung und Nachhaltigkeit der Reintegrationsprogramme.
Eine systematische Analyse der politischen Bedeutung der Demobilisierungsprozesse
im übergeordneten politischen Gesamtkontext erfolgte jedoch nicht.
Zwar wurde häufig in den diesbezüglichen Studien der Sicherheitsaspekt
der Demobilisierungsprogramme und ihre Bedeutung für die Herstellung des
inneren Friedens erwähnt, aber eine systematische Untersuchung der Rolle
der Demobilisierungsprozesse für die Durchsetzung der vollständigen
Alleinherrschaft der EPRDF erfolgte nicht. Ebenso unterblieb eine kritische
Aufarbeitung der parallel zu den Demobilisierungsprozessen ablaufenden
Rekonfiguration und personellen Verstärkung der neuen äthiopischen
Armee, Polizei und anderen bewaffneten Sicherheitsapparate. Ebenso wenig wurde
die Gefährdung der Nachhaltigkeit dieser Demobilisierungen durch die Fortdauer
inner- äthiopischer wie regionale Konfliktpotentiale im Kontext der inneräthiopischen
Machtsicherungsstrategie der EPRDF und ihrer regionalpolitischen Hegemonialaspirationen
und deren Relevanz für die innere wie äußere Sicherheit reflektiert.
Noch weniger wird in diesen Arbeiten zur Demobilisierung auf die Rolle von
Gewalt und Militär in der Geschichte der Gesellschaften und Staaten und
dieses Raumes und die hochgradige Militarisierung von Staat und Gesellschaft
Bezug genommen.
Als Resultat dieser unterlassenen Einbeziehung sowohl des kontemporären
politischen inneräthiopischen und regionalen Kontexts als auch seiner
historischen Genesis in die Analyse blieb der internationalen Gemeinschaft
wie auch der Forschung verborgen, dass die strukturellen Voraussetzungen
für eine Nachhaltigkeit der Demobilisierungsprozesse im Sinne einer
langfristigen Friedenssicherung und einer umfassenden Demilitarisierung von
Staat, Gesellschaft und Mentalitäten nach 1991 in Äthiopien aber
auch in den anderen Ländern des Horn nicht gegeben waren.
Zur Genesis der inneräthiopischen und regionalen Konfliktpotentiale wie
auch zur Rolle des Militärs in der Geschichte Äthiopiens und seiner
besonderen Funktion in Staatsbildungsprozessen und zur Sicherung der politischen
Staatsmacht liegen in zahlreichen Werken Ausführungen vor. Die systematische
Aufarbeitung dieses Materials unter Heranziehung von allgemeinen Arbeiten zu
Staatsbildungsprozessen in der Geschichte zur Entwicklung eines theoretischen
und historischen Rahmens für die Staatsbildungsprozesse im Raume Horn
von Afrika und der Rolle von Gewalt und Militär in diesen steht aber noch
aus. Insbesondere fehlt die systematische Untersuchung der Fragestellungen,
- welche Bedingungen zur Entstehung des militarisierten äthiopischen Staatswesens führten;
- welche Bedingungszusammenhänge das Entstehen eines modernen äthiopischen Staates bewirkten, der gegenüber der äthiopischen Gesellschaft übermächtig erscheint;
- wie aus dieser Militarisierung und Übermacht des Staates eine Abwesenheit von gesellschaftlichen und politischen Institutionen erwuchs, die einer nicht-gewaltförmigen Austragung gesellschaftlicher und politischer Konflikte dienen können;
- wie sich infolge dieser Entwicklungen die Transformation zur Moderne im äthiopischen Raum unterschiedlich von Europa, aber auch von asiatischen Gesellschaften gestaltete.
Ausgangspunkt des Forschungsvorhabens ist die Fragestellung nach dem
Ablauf der Demobilisierungsprozesse in Äthiopien seit 1991 unter
dem Aspekt der Herrschaftssicherung und der regionalen Hegemonialpolitik
der neuen Träger der äthiopischen Staatsmacht.
Der Bearbeitung der aufgezeigten Defizite der bisherigen Forschung zu den Demobilisierungsprozessen
in Äthiopien seit 1991 dienen die vertiefenden Fragestellungen nach
- den Strategien der EPRDF/TPLF zur Machterlangung und –erhaltung und ihrer regionalen Hegemonialpolitik;
- der Funktionalität dieser Demobilisierungen und militärischen Rekonfigurationen für die Machtsicherungsstrategie der EPRDF innerhalb Äthiopiens und deren Hegemonialstrategie in der Region
- den Ursachen für ihre begrenzte Nachhaltigkeit im Kontext der andauernden Konfliktkonstellationen innerhalb Äthiopiens und in der Region.
Die Untersuchung geht hierbei davon aus, dass es sinnvoll ist, diese
Fragestellungen in den Kontext der Transformationsprobleme der äthiopischen
Militärgesellschaft zu stellen. Dies erfordert zum einen das Aufzeigen
der historischen Grundmuster von Demobilisierung und Remobilisierung
seit Entstehung des modernen äthiopischen Staates unter Menelik
II, zum anderen insbesondere das Eingehen auf den permanenten Kriegszustand
unter der Herrschaft des äthiopischen Militärsozialismus 1974-1991.
Auf dieser Basis werden die Demobisilierungs- und militärischen
Rekonfigurationsprozesse nach 1991 reevaluiert.
Es wird erwartet, dass sich aus dieser Reevaluierung
- strukturelle Voraussetzungen für die Erzielung von Nachhaltigkeit von Demobilisierungsprozessen in Äthiopien und
- realistische Ansätze der Verknüpfung von Demobilisierungsprogrammen mit Strategien der Friedenssicherung, Reduktion von Konfliktpotentialen und Demilitarisierung
formulieren lassen.
Inhaltliche Gliederung des Forschungsvorhaben- Demobilisierung und Reintegration von Angehörigen bewaffneter
Verbände in Zivilgesellschaft als Forschungsgegenstand
a) Defizite bisheriger Forschung
b) Analyse und Neubewertung von Demobilisierung und Remobilisierung als Elemente gesamtgesellschaftlicher Transformationsprozesse
- Historischer Überblick über Demobilisierung und Remobilisierung
im äthiopischen Raum (mit ausgewählten Fallstudien)
- Demobilisierung und militärische Rekonfigurationsprozesse nach
1991
a) Demobilisierung und Rekonfiguration von Militärapparaten 1991-1998
b) Demobilisierung und Rekonfiguration von Militärapparaten nach 2000
- Abschließende Analyse
a) Evaluierung der Forschungsergebnisse im Kontext der Geschichte und Transformationsproblematik Äthiopiens
b) Demobilisierung von Angehörigen bewaffneter Verbände in ihre Reintegration in die Zivilgesellschaft als Instrumente begrenzter Reichweite für die innere und regionale Friedenssicherung
c) Einbettung der Demobilisierungs- und Reintegrationsprozesse in übergeordnete Strategien der Verringerung von Konfliktpotentialen und zur Stärkung von nicht-militärischen Potentialen der Konfliktaustragung auf inner- wie interstaatlicher Ebene
d) Konsequenzen für die Planung und Umsetzung künftiger Demobilisierungsprogramme
Am 28. Mai 1991 übernahm die von der Tigray Peoples Liberation Front (TPLF) dominierte Ethiopian Peoples Revolutionary Democratic Front (EPRDF) die Macht in Addis Abeba. Seitdem wird die Regierungsgewalt in Äthiopien mittels der EPRDF und einer Abfolge von EPRDF-beherrschten Regierungen von der TPLF ausgeübt und fest kontrolliert.
