Januar 2000
Empfehlungen der Struktur- und Findungskommission
zur Friedensforschung
Die Bundesministerin für Bildung und Forschung hat eine Struktur- und Findungskommission berufen und gebeten, für die zu gründende Deutsche Stiftung Friedensforschung Empfehlungen auszuarbeiten.
Die Bundesministerin hat Prof. Egon Bahr, Dr. Marion Gräfin Dönhoff und Hans Koschnick um Rat und Empfehlungen gebeten. Prof. Bahr hat den Vorsitz der Kommission übernommen, deren Mitglieder waren:
Prof. Dr. Ulrich Albrecht
Freie Universität Berlin
Fachbereich Politik- und
Sozialwissenschaften
Prof. Dr. Leonie Dreschler-Fischer
Universität Hamburg, Fachbereich Informatik
Prof. Dr. Hans-Peter Dürr
Max-Planck-Institut für Physik
(Werner-Heisenberg-Institut)
Prof. Dr. Horst Fischer
Institut für Friedenssicherungsrecht und
Humanitäres Völkerrecht
Ruhr-Universität Bochum
Dr. Wolfgang Liebert
Interdisziplinäre Arbeitsgruppe
Naturwissenschaft, Technik und Sicherheit (IANUS)
Technische Universität Darmstadt
Prof. Dr. Dr. Dieter S. Lutz
Direktor des Instituts für Friedensforschung
und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg
Prof. Dr. Harald Müller
Geschäftsführer
Hessische Stiftung Friedens- und
Konfliktforschung (HSFK)
Dr. Ulrich Ratsch
Forschungsstätte der Evangelischen
Studiengemeinschaft FESt
Prof. Volker Rittberger, Ph.D.
Institut für Politikwissenschaft
Abteilung Internationale
Beziehungen/Friedens- und Konfliktforschung
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Prof. Dr. Eva Senghaas-Knobloch
Forschungszentrum Arbeit und Technik (artec)
Universität Bremen
Prof. Dr. Kurt P. Tudyka
Dr. Herbert Wulf
Direktor des Bonn International Center for
Conversion (BICC)
Die Struktur- und Findungskommission konnte sich auf Gutachten stützen, die erarbeitet wurden von
Prof. Dr. Ulrich Albrecht, Freie Universität Berlin; Prof. Dr. Günther Baechler, Schweizerische Friedensstiftung, Institut für Konfliktlösung Bern; Dr. Martina Fischer, Berghof
Forschungszentrum für konstruktive Konfliktbearbeitung Berlin; Prof. Dr. Helga Haftendorn, Freie Universität Berlin; Prof. Dr. Rolf H. Hasse, Universität Leipzig; Dr. Wolfgang Liebert, IANUS, Technische Universität
Darmstadt; Prof. Dr. Hans-Joachim Schellnhuber und Dr. Frank Biermann, Potsdamer Institut für Klimaforschung Potsdam, Bremerhaven; Prof. Dr. Michael Stürmer, Universität Erlangen-Nünberg; Prof. Dr. Rüdiger Wolfrum, Direktor am Max-Planck-Institut für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht, Vizepräsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft; Prof. Dr. Ralf Zoll, Universität Marburg; Dr. Albrecht Zunker, Stv. Direktor Stiftung Wissenschaft und Politik. Nach Abschluss ihrer Beratungen hat die Struktur- und Findungs-kommission der Bundesministerin folgende Empfehlungen übermittelt:
Leitthema und Förderschwerpunkte der Deutschen Stiftung Friedensforschung 2000 - 2004
UMGANG MIT FRIEDENSGEFÄHRDENDEN KONFLIKTEN
1. Leitthema und Förderkriterien
Die Verhinderung des gewaltsamen Austrags von Konflikten, insbesondere von zwischen- und innerstaatlichen Kriegen, ist das Kernthema der Friedens- und Konfliktforschung. An der Dringlichkeit dieser Aufgabenstellung hat sich auch nach dem Ende der Ost-West-Konfrontation nichts geändert. Große Kriege zwischen und kleine Kriege in Staaten erschüttern das Zusammenleben der betroffenen Menschen, auch in Europa. Angesichts vielfältiger, teilweise schwer überschaubarer Veränderungen in den Lebensverhältnissen, Ansprüchen und natürlichen Lebensgrundlagen von Individuen und menschlichen Kollektiven an vielen Orten der Welt kommt dem methodisch gesicherten und politiknah kommunizierten Wissen über die Dynamik gefährlicher Konflikte eine große praktisch-politische Bedeutung zu. Die Friedens- und Konfliktforschung wird vor diesem Hintergrund von einem doppelten Erkenntnisinteresse geleitet:
(1) Sie befasst sich erstens mit der Frage, welche Faktoren dazu beitragen, dass aus Konflikten gefährliche Konflikte werden und welche Möglichkeiten zu ihrer Einhegung bestehen. Als gefährliche Konflikte sollen im Folgenden zum einen jene manifesten Auseinandersetzungen zwischen Staaten, Ethnien und sozialen Großgruppen verstanden werden, die mit kriegerischen oder anderen Gewaltmitteln ausgetragen werden und mit einer massenhaften Verletzung von Menschenrechten oder des Nachhaltigkeitsprinzips einhergehen. Zum anderen sollen dazu auch jene spannungsreichen Streitigkeiten gerechnet werden, deren Eskalationspotential groß genug ist, um in kriegerischen Konfliktaustrag und massenhafte Menschenrechtsverletzungen oder Verletzungen des Nachhaltigkeitsprinzips zu
münden.
Neben der Erforschung der Genese und des Verlaufs gefährlicher Konflikte sucht die Friedens- und Konfliktforschung Antworten auf die Frage, welche Voraussetzungen und Bedingungen erfüllt sein müssen, um der Entstehung und Eskalation gefährlicher Konflikte vorzubeugen. Anders ausgedrückt: Wie können politische Akteure und Gruppen dazu gebracht werden, auf Gewalt und Gewaltandrohung als Mittel der Konfliktbearbeitung zu verzichten?
(2) Die Friedens- und Konfliktforschung richtet zweitens ihre Aufmerksamkeit auf die Vor-aussetzungen und Bedingungen eines andauernden - aus der Sicht der Beteiligten - gelungenen - Friedens: Welche Faktoren - Akteursmerkmale und -konstellationen, Prozesse, Strukturen, Institutionen - tragen dazu bei, dass unvermeidbare Konflikte dauerhaft und verlässlich gewaltfrei ausgetragen werden?
Das Spektrum der drängenden Fragen der Friedens- und Konfliktforschung spannt sich mithin zwischen misslungenem und gelungenem Frieden auf. Die Deutsche Stiftung Friedensforschung wird unter Berücksichtigung der knappen verfügbaren Mittel in einer ersten Förderphase dem Leitthema Umgang mit gefährlichen Konflikten Priorität beimessen. Dieses Leitthema lässt sich in drei Förderschwerpunkte unterteilen: (I) Dynamik gefährlicher Konflikte, (II) Einmischung Dritter in gefährlichen Konflikten und (III) Institutionen und Strategien der Zivilisierung gefährlicher Konflikte.
(3) Neben der Förderung von Vorhaben in den Förderschwerpunkten wird die Deutsche Stiftung Friedensforschung nach Möglichkeit besonders qualifizierte Vorhaben unterstützen (Öffnungsklausel).
Die Deutsche Stiftung Friedensforschung lässt sich in dieser Gründungsphase von folgenden Gesichtspunkten für die Bildung von Förderschwerpunkten und ihre darauf gestützte Förderpraxis leiten.
Schwerpunkte:
-- Der gewählten thematischen Festlegung kommt hohe aktuelle politische Bedeutung zu.
-- Der Förderschwerpunkt hat einen erkennbaren hohen Stellenwert im Gesamtspektrum der Friedens- und Konfliktforschung.
-- Der zur Förderung ausgewählte Schwerpunkt schließt eine Förderungslücke in der öffentlichen Forschungsförderung.
Empfehlungen zur Methodik:
-- Die Forschungsthemen erfordern eine multi- bzw. transdisziplinäre Bearbeitung und unterstützen entsprechende Qualifizierungen des wissenschaftlichen Nachwuchses.
-- Die Forschungsförderung ermöglicht das Zusammenführen verschiedener wissen-schaftlicher Erkenntnisse und somit die Konsolidierung von Wissensbeständen.
-- Die Förderschwerpunkte erlauben und fördern die Vernetzung nationaler und internationaler Forschungsaktivitäen.
-- Die Förderschwerpunkte sind multiperspektivisch und auf Methodenvielfalt ausgelegt; m.a.W., sie erlauben und regen an, dass empirisch-analytische ebenso wie normativ präskriptive Forschungen, Einzelfallstudien ebenso wie fallvergleichende Untersuchungen, sozial- und geisteswissenschaftliche Arbeiten ebenso wie Untersuchungen, die auf naturwissenschaftlicher Expertise aufbauen, durchgeführt werden.
2. Förderschwerpunkt I: Dynamik gefährlicher Konflikte
A. Manifeste und latente gefährliche Konflikte
Diese Forschung kann nicht von einem in der Wissenschaft unstrittigen Begriff des gefährlichen Konflikts ausgehen, sondern wird dessen Bedeutungen und Implikationen zu klären haben. Als erste Orientierungshilfe kann davon ausgegangen werden, dass der Begriff eine Klasse von Konflikten umfasst, die sich auf einer Skala von latent gewaltträchtig bis akut gewalttätig verorten lassen. Die Feststellung akut gewalttätiger Konflikte mag auf den ersten Blick unproblematisch erscheinen, aber deren Vielfalt legt es nahe, Typenbildungen anzustreben, um die je unterschiedlichen Möglichkeiten zur Transformation gefährlicher Konflikte zu erkennen und zu beurteilen. Zweifellos stellt die Identifizierung latent gewaltträchtiger Konflikte und eine entsprechende Indikatorenbildung die Forschung vor größere Herausforderungen. Es gibt zwar eine Fülle von Vermutungen dazu, unter welchen Bedingungen die Wahrscheinlichkeit groß ist, dass Konflikte in und zwischen politischen Kollektiven zu gefährlichen Konflikten werden und diese wiederum zu kriegerischen Auseinandersetzungen und massenhaften Menschenrechtsverletzungen oder Verletzungen des Nachhaltigkeitsprinzips eskalieren. Das verfügbare Wissen ist aber sehr verstreut, methodisch von unterschiedlicher Qualität und zudem wenig theoriegeleitet.
B. Eskalationspfade gefährlicher Konflikte
Eine zweite Aufgabe innerhalb des ersten Förderschwerpunkts besteht in der Identifizierung von Eskalationspfaden, die bei gefährlichen Konflikten von latent gewaltträchtigen Verlaufsformen zu akut gewalttätigen Austragsformen führen. Die Kenntnis solcher Eskalationspfade ist für die erfolgversprechende, gewaltmindernde oder -beendende Einmischung Dritter unerlässlich. Diese müssen die Mechanismen kennen, die einzelne Eskalationsstufen miteinander verbinden, um mäßigend auf den Konfliktverlauf einwirken zu können. Von großer Bedeutung ist hierbei der Prozess der Bewaffnung, Rüstung und Aufrüstung der Konfliktparteien. Die Gefährlichkeit von Konflikteskalationen steigt mit dem Maß der vorhandenen Gewaltmittel; das höchste Risiko besteht bei der Präsenz von Massenvernichtungswaffen. Auch hier wird es neben der Förderung von ins Neue weisenden Forschungsvorhaben darauf ankommen, vorhandenes Wissen zu bündeln, zu systematisieren und zu überprüfen. Erkenntnisleitend ist kontextspezifisch die Suche nach Interventionspunkten in Eskalationsprozessen, an denen die Konfliktparteien für Bemühungen Dritter, die auf Gewaltminderung oder -beendigung zielen, empfänglich sind.
C. Folgeprobleme gefährlicher Konflikte und Friedenskonsolidierung
Eine dritte Aufgabe innerhalb dieses Förderschwerpunkts ist die Erforschung der Folgen von gefährlichen Konflikten für die betroffenen Gesellschaften und der Verlaufsformen von Normalisierungs- und Aussöhnungsprozessen. Gerade für Dritte ist es als Bedingung der Möglichkeit angemessener Einmischung wichtig zu wissen, mit welchen Problemen Nach-kriegsgesellschaften zu kämpfen haben und welche Hindernisse einer Normalisierung des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens entgegenstehen.
3. Förderschwerpunkt II: Einmischung Dritter in gefährliche Konflikte - Prävention, Eskalationsstopp und Deeskalation
Dem zweiten Förderschwerpunkt liegt die Zielsetzung zugrunde, politiknahe, operativ umsetzbare Forschungsarbeiten in zwei Richtungen anzuregen: Zum einen geht es darum, In-strumente und Verfahren zu erforschen, die eine erfolgreiche Bearbeitung gefährlicher Konflikte durch Dritte ermöglichen. Erfolgreich ist eine Einmischung dann, wenn sie je nach dem Entwicklungsstadium des Konflikts den Ausbruch offener Feindseligkeiten verhindert (Prävention), eine Steigerung des Gewalteinsatzes unterbindet (z.B. Moratorium) oder Deeskalationsschritte einleitet. Zum anderen sollen Instrumente und Verfahren untersucht und geprüft werden, durch die Dritte auf eine dauerhafte Zivilisierung des Austrags von Konflikten in Krisenregionen hinwirken können.
Die Forschung kennt eine Reihe von Verfahren und Instrumenten, die Dritten zur Verfügung stehen, um die Formen des Austrags, den Verlauf und das Ergebnis gefährlicher Konflikte zu beeinflussen. Zu den wichtigsten zählen die gezielte Unterstützung lokaler Akteure mit im Konfliktaustrag wirksamen Ressourcen, die Förderung von Verhandlungen zwischen den Konfliktparteien und das Angebot von Vermittlungsdiensten, der Einsatz von unterschiedlichen, insbesondere intelligenten Sanktionen, der Abbau militärischer Rüstung und deren Verifikation, die direkte Intervention mit Streitkräften oder auch die Entsendung von Friedensmissionen.
Die Verfahren und Instrumente der Einmischung in gefährlichen Konflikten sind zwar weithin bekannt, umstritten bleiben aber in Theorie und Praxis ihr optimaler Einsatz im Konfliktverlauf, ihre zielführende Handhabung, die Verbesserung ihrer Erfolgsaussichten und ihre Kombinationsfähigkeit. Außerdem ist ungeklärt, wie ihr multilateraler Einsatz optimal zu organisieren ist und welche Rolle in diesem Zusammenhang die Bundesrepublik Deutschland im Rahmen der Vereinten Nationen, der OSZE, der NATO und der (W)EU spielen kann und soll. Vor diesem Hintergrund eröffnet sich eine Vielzahl von Forschungsfeldern:
A. Stärkung gewaltablehnender Akteure innerhalb der Konfliktparteien.
Hier geht es um die Frage, wie in verantwortbarer Weise die Gewaltbereitschaft von Kon-fliktparteien durch die Einwirkung Dritter verringert werden kann. Der Grundgedanke - Stärkung der Friedenskräfte - ist zwar so alt wie einfach, seine praktische Umsetzung aber nicht unproblematisch. So müssen Außenstehende sehr gut über die internen Kräfteverhältnisse und die zu erwartenden Koalitionsbildungsprozesse in Stresssituationen informiert sein. Sie müssen die richtigen Akteure im richtigen Augenblick stärken, und sie müssen es auf eine Art und Weise tun, die diese Akteure nicht in das gesellschaftlich-politische Abseits rückt. Der Mangel an sozialwissenschaftlich gesichertem Handlungswissen hierzu ist eklatant.
B. Verhandlung und Vermittlung.
In der Literatur herrscht Einigkeit, dass die Vermittlung in Konflikten bisher statistisch ge-sehen die Form der Einmischung ist, die am ehesten Erfolg verspricht. Unklar bleibt aber, wann wer mit welchen Mitteln in welchen Konflikten seine Vermittlungsdienste anbieten soll, und welche Techniken unter welchen Bedingungen den größten Erfolg erwarten lassen. Zu diesen Fragen gibt es zwar eine Fülle von Einzelfallstudien und Hypothesen, es mangelt aber an ihrer systematischen und vergleichenden Überprüfung und an theoretischen Modellen, die eine integrative Forschung und mithin den Transfer methodisch gesicherten Wissens in die politische Praxis anleiten könnten.
C. Sanktionen.
Die Frage der Wirksamkeit und Vertretbarkeit von Sanktionen ist in letzter Zeit sowohl unter analytischen als auch unter normativen Gesichtspunkten intensiv diskutiert worden. Dabei hat sich ergeben, dass ein dringender Bedarf an wissenschaftlich geprüftem Handlungswissen über die Einsatzmöglichkeiten "intelligenter" Sanktionen besteht, also über pro- und reaktive Maßnahmen, die Anreize direkt für die politisch Verantwortlichen in einem Krisengebiet setzen und das Leiden der Zivilbevölkerung minimieren. Neben kreativen Fragen - welche "intelligenten" Sanktionen gibt es? - und technischen Fragen - wann ist ihr Einsatz sinnvoll? - stellen sich auch rechtliche Fragen wie beispielsweise die nach dem Zugriff auf das Privatvermögen von für die Eskalation gefährlicher Konflikte politisch Verantwortlicher im Ausland.
D. Militärische Interventionen.
In den neunziger Jahren fanden eine Reihe militärischer Interventionen mit und ohne Mandat des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen statt. An der Intervention der NATO im Kosovo und gegen die Bundesrepublik Jugoslawien war Deutschland unmittelbar beteiligt. Wie keine andere bewaffnete Einmischung hat dieser Einsatz in Deutschland eine Debatte über die Zulässigkeit und die Effektivität militärischer Intervention in humanitären Krisensituationen ausgelöst. Aus friedenswissenschaftlicher Perspektive besteht sowohl in ethischer als auch in strategischer und rüstungspolitischer Hinsicht Klärungsbedarf.
E. Rüstungskontrolle und Abrüstung.
Die Einhegung der Instrumente organisierter Gewaltanwendung durch Rüstungskontrolle und Abrüstung wurde überwiegend bilateral und ohne Unterstützung Dritter im Ost-West-Konflikt entwickelt. Neuerdings wird auch in internen und zwischenstaatlichen Konflikten von Dritten versucht, Rüstungskontrolle und Abrüstung in eine Deeskalations- und Konfliktbeendigungsstrategie einzubringen. Eine neue Konzeption für dieses politische Instrument ist daher zu suchen, die auf die Prüfung und Verbesserung seiner Eignung als Teilaspekt einer umfassenden Strategie der Konfliktintervention abzielt. Es ist zudem erforderlich, die neuen Technologien und ihre sicherheitspolitischen Auswirkungen wissenschaftlich zu untersuchen.
F. Friedensmissionen.
Die frühen neunziger Jahre erlebten ein sprunghaftes Ansteigen der Friedensmissionen der Vereinten Nationen und anderer internationaler Sicherheits-Organisationen. Mittlerweile ist die damals verbreitete Euphorie verflogen, die Zahl der in Krisengebieten stationierten Blauhelme hat deutlich abgenommen. Daher scheint es an der Zeit zu sein, kritisch Bilanz zu ziehen und die Stärken und Schwächen dieses Instruments der Einmischung in gefährlichen Konflikten in vergleichender Perspektive zu analysieren und zu bewerten.
G. Früherkennung.
In der Theorie und Praxis der Einmischung Dritter in gefährlichen Konflikten gilt überspitzt formuliert der Grundsatz "Je früher, desto aussichtsreicher". Um aber frühzeitig eingreifen zu können, sind Frühwarnsysteme notwendig, die in der Lage sind, Konfliktprozesse in gewaltanfälligen Situationen zu verfolgen und vor ihrem Umschlag in bewaffnete Feindseligkeiten Alarm auszulösen. Wie solche Frühwarnsysteme aussehen sollten, unter welchen Bedingungen sie effektiv arbeiten können, und welche völkerrechtlichen und technischen Voraussetzungen erfüllt sein müssen, ist noch längst nicht geklärt und bedarf eingehender Forschung.
4. Förderschwerpunkt III: Institutionen und Strategien der Zivilisierung gefährlicher Konflikte
A. Gewaltresistente Pfade der Demokratisierung
Die Suche nach Mitteln und Wegen zur Einhegung von Gewaltandrohung oder -anwendung in gefährlichen Konflikten ist gegenwärtig ohne jeden Zweifel von größter Wichtigkeit. Darüber darf freilich nicht aus dem Blickfeld geraten, dass die langfristige Zivilisierung von Politik das Hauptziel aufgeklärter Friedensbemühungen ist. Unter Zivilisierung ist die sukzessive Institutionalisierung von Verfahren der konstruktiven Konfliktbearbeitung zu verstehen, durch die dauerhaft und zuverlässig Gewalt als Instrument des Konfliktaustrags ausgeschlossen wird. Der aktuelle Wissenstand legt in dieser Hinsicht nahe, dass Demokratie und Rechtstaatlichkeit nach innen wie nach außen mit einer Zivilisierung von Politik einhergehen. Umgekehrt zeigt die Erfahrung aber auch, dass der Weg zu Demokratie und Rechtstaatlichkeit höchst riskant und von gefährlichen Konflikten begleitet ist. Es ist deshalb von zentraler Bedeutung, nach gewaltresistenten Pfaden der Demokratisierung und des Aufbaus von rechtstaatlichen Strukturen zu forschen.
B. Internationale Institutionalisierung
Ein gelungener Frieden in und zwischen Staaten ist nicht nur von innenpolitischen Voraus-setzungen abhängig, sondern auch davon, dass auf internationaler Ebene Verfahren zur konstruktiven Konfliktbearbeitung und zur Entschärfung des unter anarchischen Bedingungen unvermeidlichen Sicherheitsdilemmas institutionalisiert werden. Dazu zählen insbesondere bilaterale und multilaterale Regime der Rüstungskontrolle, der Abrüstung und der Nichtverbreitung, die entscheidende Rahmenbedingungen für die Konfliktbeilegung, Deeskalation und Vertrauensbildung setzen. Die bisher schon geleistete Forschung hat zwar gezeigt, dass internationalen Institutionen (Organisationen und Regimen) in dieser Hinsicht eine wichtige Funktion zukommen kann. Allerdings bestehen noch erhebliche Wissenslücken im Bereich ihrer Wirkungen auf das Verhalten der beteiligten Akteure und hinsichtlich der Frage, welche institutionelle Form sich für die Bearbeitung welches Problems am besten eignet. Außerdem ist die Zuweisung von Verantwortung für den Aufbau und die Aufrechterhaltung solcher internationaler Institutionen noch weitgehend ungeklärt.
C. Zukunftsfähige Globalisierung
Es ist absehbar, dass beispielsweise Umwelt- und Ressourcenkonflikte in der internationalen Politik an Umfang und Gefährlichkeit zunehmen werden. Für die friedliche oder unfriedliche Zukunft des globalen Zusammenlebens wird viel davon abhängen, ob es der internationalen Gemeinschaft gelingt, diese Konflikte - ausgehend vom Prinzip der Nachhaltigkeit der Umwelt- und Ressourcennutzung - in geregelte Bahnen zu lenken und allen Völkern ein Überleben in Würde und Wohlstand zu ermöglichen. Wie solche Regelwerke aussehen, wie sie ethisch zu bewerten sind, und welche Realisierungswege bestehen, ist bislang allenfalls in Umrissen erkennbar und bedarf der systematischen Erforschung.
5. Forschungsförderung und Öffentlichkeit
Die Friedens- und Konfliktforschung ist als Wissenschaft zur (vor)urteils- und metho-denkritischen Distanz zur gesellschaftlich-politischen Praxis angehalten. Zugleich ist es ihr aufgegeben, über die Erbringung grundlagenwissenschaftlicher Leistungen hinaus immer auch politikbegleitende Untersuchungen durchzuführen und Politikempfehlungen zu erarbeiten. Diese Aufgabenstellung schließt ein, dass die Friedens- und Konfliktforschung nie im Elfenbeinturm betrieben werden kann, will sie nicht ihre Raison d’etre verfehlen. Folglich muss sie selbst die Öffentlichkeit suchen, ihre Fragestellungen plausibel, ihre Methoden verständlich und schließlich ihre Ergebnisse einsehbar machen. Zu dieser Öffentlichkeit gehören zunächst die nationalen und internationalen einschlägig tätigen "scientific communities". Für die Zukunft wird es darauf ankommen, die deutsche Friedens- und Konfliktforschung in die internationalen wissenschaftlichen Debatten stärker einzubringen. Dazu bedarf es einer gezielten Förderung thematisch fokussierter wissenschaftlicher Arbeitszusammenhänge, von Konferenzen unter internationaler Beteiligung und friedenswissenschaftlicher Publikationsorgane.
Öffentlichkeit heißt für die Friedens- und Konfliktforschung aber auch, einen möglichst offenen und fruchtbaren Kontakt mit der Politik, d.h. den politisch Verantwortlichen, den Bürgern und einschlägig aktiven intermediären Organisationen zu suchen und herzustellen. Die Belebung, Vertiefung und Verstetigung eines vielfältigen und breit gefächerten Austauschs zwischen der Friedens- und Konfliktforschung und der politischen Öffentlichkeit in Deutschland (und im europäischen Rahmen) wird der Deutschen Stiftung Friedensforschung im Rahmen ihrer knappen Ressourcen ein wichtiges Anliegen sein.

